„O nein, nein, nein! Ein Pfund, ein Pfund ... Äpfel kauft man nicht pfundweise ... nein, sie sind alle klein, und man bekommt viele auf ein Pfund, man legt sie in den Mund und – krach! ...“

„Nüsse?“

„Nun, ja, Nüsse, das habe ich ja auch gesagt,“ bekräftigte der Doktor gelassen, als hätte er das Wort nie im Leben gesucht, „und ich brachte ihm ein Pfund Nüsse, denn dem Jungen hatte noch niemals jemand ein Pfund Nüsse gebracht, und ich hob meinen Finger auf und sagte ihm auf Deutsch: ‚Junge! Gott der Vater,‘ er lachte und sagte: ‚Gott der Vater.‘ – ‚Gott der Sohn.‘ Er lachte noch mehr und stammelte: ‚Gott der Sohn.‘ – ‚Gott der Heilige Geist.‘ Er lachte wieder und wiederholte, so gut er konnte: ‚Gott der Hei-Heilige Geist.‘ Ich ging fort, und nach drei Tagen, wie ich an ihm vorübergehe, ruft er mir zu: ‚Onkel! Gott der Vater, Gott der Sohn ...‘ – doch Gott den Heiligen Geist hatte er vergessen, ich sagte es ihm wieder vor, und er sprach es brav nach, und er tat mir wieder sehr leid. Dann brachte man ihn fort, und ich sah ihn nicht mehr. Und siehe, es vergingen dreiundzwanzig Jahre. Eines Morgens sitze ich in meinem Kabinett, schon mit weißem Haar, und plötzlich tritt ein blühender, junger Mann bei mir ein, den ich niemals wiedererkannt hätte, doch er hob den Finger und sagte lachend auf Deutsch: ‚Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist! Ich bin soeben angekommen und habe Sie aufgesucht, um Ihnen für das Pfund Nüsse zu danken, denn Sie allein haben mir ein Pfund Nüsse geschenkt.‘ Ich dachte dann an meine eigene glückliche Jugend im Elternhause und an diesen armen, kleinen Jungen ohne Stiefelchen auf dem Hof, und mein Herz drehte sich in mir um, und ich sagte zu ihm: ‚Du guter junger Mann, du hast dieses Pfund Nüsse nicht vergessen, das ich dir in deiner Kindheit geschenkt habe.‘ Und ich umarmte und segnete ihn. Und ich weinte. Er lachte, doch weinte er eigentlich gleichfalls, denn der Russe lacht manchmal dann, wenn er weinen will. Er weinte, ich habe es gesehen. Jetzt aber, wie traurig! ...“

„Und auch jetzt weine ich, Deutscher, auch jetzt weine ich, du gottesfürchtiger Mann!“ rief ihm plötzlich Mitjä von seinem Platze aus zu.

Auch diese Anekdote machte auf das Publikum einen freundlichen Eindruck. Doch das Hauptereignis zugunsten Mitjäs waren die Aussagen Katerina Iwanownas, die ich sofort wiedergeben werde. Und überhaupt, als die Reihe an die Entlastungszeugen kam, das heißt, an die vom Verteidiger gestellten Zeugen, da schien das Glück Mitjä zu lächeln, und was ganz besonders bemerkenswert war: – dies kam selbst dem Verteidiger ganz unerwartet. Doch vor Katerina Iwanowna wurde noch Aljoscha verhört, der sich plötzlich einer Tatsache erinnerte, die wirklich ein wichtiges Zeugnis gegen den Hauptpunkt der Beschuldigung sein konnte.

IV.
Das Glück lächelt Mitjä

Es geschah das sogar für Aljoscha ganz unerwartet. Er wurde unvereidigt vernommen, und ich erinnere mich, daß man sich allerseits, von den ersten Worten des Verhörs an, außerordentlich zartfühlend und sympathisch zu ihm verhielt. Da sah man deutlich, welch eines guten Rufes er sich erfreute! Aljoscha drückte sich bescheiden und zurückhaltend aus, doch aus allen seinen Aussagen brach sein heißes Mitgefühl hervor und seine ganze Liebe, die er für den unglücklichen Bruder empfand. In Beantwortung einer ihm vorgelegten Frage zeichnete er den Charakter seines Bruders als den eines vielleicht unbändigen und von Leidenschaften beherrschten Menschen, der andererseits wiederum edel, stolz und hochherzig sei, und der zu jedem Opfer bereit wäre, wenn man es von ihm verlangen würde. Er gab übrigens zu, daß der Bruder in den letzten Tagen aus Leidenschaft zu Gruschenka und als Gegner des Vaters in einer unerträglichen Lage gewesen war. Doch mit Unwillen wies er die Annahme zurück, der Bruder hätte am Vater einen Raubmord verübt, obgleich er zugeben mußte, daß diese Dreitausend bei Mitjä zu einer fixen Idee geworden waren, daß er sie durch Betrug des Vaters von seinem Erbe entwendet glaubte: während Mitjä sonst nicht im mindesten eigennützig war, so habe er von diesen Dreitausend doch nicht reden können, ohne dabei in Wut zu geraten. Über die Gegnerschaft zweier „Personen“, wie sich der Staatsanwalt ausdrückte – damit meinte er Gruschenka und Katjä –, antwortete er ausweichend, und auf einige Fragen verweigerte er jede Antwort.

„Hat Ihr Bruder Ihnen gesagt, daß er seinen Vater zu erschlagen beabsichtige?“ fragte der Staatsanwalt. „Sie brauchen darauf nicht zu antworten, wenn Sie es für nötig befinden,“ fügte er hinzu.

„Direkt hat er es mir nicht gesagt,“ antwortete Aljoscha.

„Wie dann? Etwa indirekt?“