„So muß es gewesen sein, genau so,“ rief Aljoscha in großer Erregung aus. „Mein Bruder sagte mir damals, die Hälfte, die Hälfte der Schande – er rief mehreremal aus: ‚Die Hälfte!‘ – Die hätte er sofort von sich abwälzen können, doch wußte er im voraus, daß er nicht die Kraft haben werde, es zu tun!“
„Und Sie wissen genau, Sie erinnern sich ganz deutlich dessen, daß er sich gerade an der Stelle auf die Brust geschlagen hat?“ fragte ihn Fetjukowitsch gespannt.
„Klar und deutlich, denn ich dachte bei mir in dem Augenblick: warum schlägt er sich so hoch auf die Brust, das Herz liegt doch viel niedriger. Und gleich darauf erschien ich mir so dumm, weil ich an so etwas in diesem Augenblick denken konnte ... ich erinnere mich dessen ganz genau ... so dumm ... Daher ist mir soeben auch alles wieder eingefallen. Aber wie habe ich das nur vergessen können! Er wies ja nur deswegen auf diese Stelle hin, weil er damit sagen wollte, daß er die Möglichkeit hatte, tausendfünfhundert Rubel, die Hälfte der Schuld, zurückzugeben! Bei der Verhaftung in Mokroje aber hat er ausgerufen – ich weiß es, man hat es mir erzählt –, daß er es für die schmachvollste Tat seines ganzen Lebens halte, daß er diese Hälfte (gerade die Hälfte) der Schuld Katerina Iwanowna nicht abgegeben hat, um in ihren Augen kein Dieb zu sein, daß er sich nicht hat entschließen können, sie zurückzugeben, und lieber in ihren Augen ein Dieb geblieben ist! Ach, wie hat er sich gequält, wie hat er sich dieser Schuld wegen gequält!“ rief Aljoscha traurig aus.
Natürlich mischte sich der Staatsanwalt sofort in die Sache ein. Er bat Aljoscha, noch einmal zu beschreiben, wie sich das alles zugetragen hatte, und bestand auf der Frage: ob der Angeklagte, als er sich auf die Brust schlug, damit auf irgend etwas habe hinweisen wollen, oder ob er sich einfach mit der Faust auf die Brust geschlagen habe?
„Nicht nur mit der Faust!“ rief Aljoscha erregt aus, „sondern mit den Fingern hat er auf diese Stelle hingewiesen, ganz hoch ... Wie habe ich das nur bis zu diesem Augenblick so ganz vergessen können!“
Der Vorsitzende wandte sich an Mitjä mit der Frage, was er in betreff dieser Aussage zu bemerken wünsche. Mitjä bestätigte, daß alles sich so verhalten habe, daß er auf die Tausendfünfhundert hingewiesen, die er auf seiner Brust getragen, und daß es die größte Schande für ihn gewesen sei, „eine Schande, von der ich mich nicht lossagen kann, die schmählichste Handlung meines ganzen Lebens: es lag in meiner Macht, das Geld zurückzugeben, und ich habe es doch nicht getan! Ich wollte lieber in ihren Augen ein Dieb sein. Die größte Schmach bestand aber darin, daß ich wußte, was geschehen würde: daß ich das Geld nicht zurückgeben werde! Du hast recht, Aljoscha! Ich danke dir, Aljoscha!“
Damit war das Verhör Aljoschas beendet. Wichtig und bezeichnend war gerade der Umstand, daß sich ein Anhalt gefunden hatte, oder wenigstens ein ganz geringer Beweis, oder auch nur ein Schatten von einem Beweise, der immerhin andeutete, daß es das Säckchen mit den Tausendfünfhundert tatsächlich gegeben haben konnte und der Angeklagte bei der Voruntersuchung in Mokroje nicht gelogen hatte, daß die anderthalb Tausend „ihm gehörten“. Aljoscha freute sich sehr; sein Gesicht war vor Freude ganz gerötet, und als er sich auf den ihm zugewiesenen Platz setzte, wiederholte er noch für sich: „Wie habe ich es nur vergessen können, wie habe ich’s nur vergessen können! Und wie ist es mir nur plötzlich wieder eingefallen!“
Darauf begann das Verhör Katerina Iwanownas. Kaum war sie erschienen, als im Saal etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Die Damen griffen zu ihren Lorgnons und Operngläsern, die Herren bewegten sich, einige erhoben sich sogar von ihren Plätzen, um besser sehen zu können. Alle behaupteten später, daß Mitjä plötzlich „bleich wie ein Tuch“ geworden sei, als sie eingetreten war. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, bescheiden und fast schüchtern näherte sie sich dem ihr zugewiesenen Platz. Ihrem Gesicht konnte man die Aufregung nicht ansehen, aber in ihrem dunklen, umflorten Blick drückte sich Entschlossenheit aus. Später behaupteten viele, sie sei in diesem Augenblick außerordentlich schön gewesen. Sie sprach leise, aber deutlich, so daß man sie im ganzen Saale hören konnte. Sie drückte sich vollkommen ruhig aus, wenigstens gab sie sich den Anschein der größten Ruhe. Der Vorsitzende stellte seine Fragen sehr vorsichtig und außerordentlich ehrerbietig an sie, als fürchte er „gewisse Saiten“ zu berühren, als ehre er ihr großes Unglück. Doch Katerina Iwanowna erklärte selbst auf die ihr gestellten Fragen schon nach den ersten Worten, daß sie die Braut des Angeklagten gewesen sei „bis zu der Zeit, als er mich verließ“, fügte sie leise hinzu. Als man sie nach den Dreitausend fragte, die sie Mitjä übergeben hatte, damit er das Geld durch die Post an ihre Verwandten befördere, antwortete sie entschlossen: „Ich habe ihm das Geld nicht gegeben, damit er es gleich auf die Post bringe: ich wußte damals, daß er Geld brauchte ... gerade zu der Zeit ... Ich gab ihm diese Dreitausend unter der Bedingung, daß er sie im Laufe des Monats abschicke ... Er hat sich ganz unnötigerweise wegen dieser Schuld so gequält ...“
Ich werde hier nicht alle Fragen und Antworten genau wiedergeben, sondern nur den wesentlichen Sinn ihrer Aussagen.
„Ich war fest überzeugt, daß er die Dreitausend sofort ersetzen werde, so wie er das Geld von seinem Vater erhielt,“ fuhr sie fort, als Antwort auf die Fragen. „Ich bin von seiner Uneigennützigkeit, wie von seiner Ehrenhaftigkeit ... von seiner großen Ehrenhaftigkeit ... in Geldsachen, stets überzeugt gewesen. Er hoffte, vom Vater noch dreitausend Rubel zu erhalten, er hat mir oft davon gesprochen. Ich wußte, daß er mit seinem Vater entzweit war, und ich war und bin auch noch jetzt der festen Überzeugung, daß er vom Vater übervorteilt worden ist. Ich erinnere mich nicht, je eine Drohung gegen den Vater von ihm vernommen zu haben. In meiner Gegenwart hat er wenigstens nie etwas Ähnliches geäußert. Wenn er damals zu mir gekommen wäre, so hätte ich ihn sofort wegen der Dreitausend beruhigt, die er mir schuldete, doch er kam nicht mehr zu mir ... und ich selbst ... war in einer solchen Lage, daß ich ihn nicht zu mir rufen konnte ... Und ich hatte auch gar kein Recht, die Rückerstattung dieser Schuld zu beanspruchen,“ fügte sie plötzlich hinzu, und in ihrer Stimme lag eine gereizte Entschlossenheit. „Er selbst hat mir einmal eine viel größere Gefälligkeit in einer Geldsache erwiesen, und ich hatte damals den Betrag, der viel größer als Dreitausend war, angenommen, ohne zu wissen, ob ich jemals imstande sein werde, ihm meine Schuld abzuzahlen ...“