Im Ton ihrer Stimme lag etwas Herausforderndes.
„Das war wohl nicht jetzt, sondern schon zu Anfang Ihrer Bekanntschaft?“ griff Fetjukowitsch vorsichtig auf, da er sofort etwas für Mitjä Günstiges vermutete.
Hier muß ich bemerken, daß er, obgleich er zum Teil auch von Katerina Iwanowna aus Petersburg berufen worden war, doch nichts von diesem ihrem Erlebnis und den ihr von Mitjä in jener Garnisonstadt geliehenen fünftausend Rubel wußte, und ebensowenig etwas vom „Fußfall“. Sie hatte ihm nichts davon gesagt. Und ich glaube, man kann fast mit Sicherheit annehmen, daß sie selbst bis zur letzten Minute nicht gewußt hat, ob sie von dieser „Begegnung“ vor Gericht erzählen würde oder nicht, und daß sie es dann nur auf eine plötzliche Eingebung hin doch tat.
Nein, niemals werde ich diese Augenblicke meines Lebens vergessen können. Sie erzählte, sie erzählte alles, diese ganze Episode, wie auch Mitjä sie Aljoscha anvertraut hatte, auch von der „Verbeugung bis zur Erde“! Und auch davon, was sie dazu veranlaßt hatte, auch von ihrem Vater sprach sie, von ihrem Erscheinen bei Mitjä, doch mit keinem Wort und mit keiner Bemerkung wies sie darauf hin, daß Mitjä ihrer Schwester gesagt hatte: „Schicken Sie Katerina Iwanowna zu mir, ich werde ihr dann das Geld geben.“ Großmütig verschwieg sie das, und sie schämte sich nicht, es so darzustellen, als sei sie selbst aus eigenem Antriebe ... zu diesem jungen Offizier gelaufen ... in der Hoffnung, daß ... daß sie das Geld von ihm erhalten würde. Das war geradezu erschütternd. Mir wurde kalt und heiß, als ich es hörte, und der ganze Saal lag in Totenstille, jedes Wort wurde aufgefangen. Das war etwas Beispielloses. Von einem so selbstbewußten, alles verachtenden, stolzen Mädchen, wie sie es war, hätte man kaum eine solche Aufrichtigkeit, ein solches Opfer und eine solche Selbstvernichtung erwarten können. Und weshalb und für wen? Um ihren Verräter und Beleidiger zu retten, um irgend etwas, wenn auch nur etwas zu seiner Rettung beizutragen, um zu seinen Gunsten wenigstens einen guten Eindruck hervorzubringen! Und in der Tat: das Bild des Offiziers, der seine letzten fünftausend Rubel hingibt, – alles, was ihm für sein ganzes Leben noch geblieben ist – und sich ehrerbietig vor dem unschuldigen jungen Mädchen verneigt, erschien sehr sympathisch und verführerisch vor aller Augen. Doch ... mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen! Ich fühlte, was daraus entstehen würde (und was ja auch daraus entstanden ist) – welch ein Klatsch! Welche Verleumdungen! Mit boshaftem Lächeln sprach man alsbald in der ganzen Stadt, daß die Erzählung vielleicht nicht ganz wahrheitsgetreu gewesen sei, besonders an der Stelle nicht, wo der Offizier angeblich das junge Mädchen „mit einer tiefen ehrerbietigen Verbeugung“ entläßt. Man machte Anspielungen darauf, daß da wohl etwas „ausgelassen“ worden war. „Und selbst, wenn dabei auch nichts ausgelassen, wenn es auch in Wahrheit alles so gewesen ist,“ sagten unsere geachtetsten Damen, „so bleibt es immer noch zweifelhaft, ob es für das junge Mädchen wohlanständig war, so zu handeln, selbst wenn es dadurch den Vater rettete.“ Hatte nun Katerina Iwanowna bei ihrem Verstande, ihrem Scharfblick, wirklich nicht vorausgesehen und gefühlt, daß man so sprechen würde? Natürlich hatte sie das vorausgewußt, und doch hatte sie sich entschlossen, alles zu sagen! Versteht sich, diese schmutzigen Zweifel an der Wahrheit der Erzählung kamen erst später auf. Im ersten Augenblick waren alle erschüttert. Die Herren des Gerichtshofes hörten Katerina Iwanowna mit einem fast andächtigen, fast verschämten Schweigen zu. Der Staatsanwalt erlaubte sich keine einzige weitere Frage über dieses Thema. Fetjukowitsch verneigte sich tief vor ihr. Oh, er triumphierte beinahe. Viel war gewonnen: ein Mensch, der in edler Aufwallung seine letzten fünftausend Rubel hingibt, und ein Mensch, der seinen Vater in der Nacht erschlägt, um von ihm dreitausend Rubel zu stehlen – waren einigermaßen unvereinbar in einer Person. Wenigstens konnte er jetzt den Raub leugnen. Die „Sache“ stand jetzt in einem ganz neuen Lichte. Etwas wie Sympathie für Mitjä hatte sich verbreitet. Mitjä selbst aber – so erzählte man sich später –, habe sich ein- oder zweimal von seinem Platze erhoben, war dann wieder auf die Bank zurückgefallen und hatte mit beiden Händen sein Gesicht bedeckt. Als sie geendet hatte, das weiß ich noch, da rief er plötzlich, ihr beide Hände entgegenstreckend, mit schluchzender Stimme aus:
„Katjä, warum hast du mich zugrunde gerichtet!“
Und er schluchzte laut auf, beherrschte sich aber sofort wieder und rief mit fester Stimme:
„Jetzt bin ich verurteilt!“
Darauf blieb er wie erstarrt sitzen, kreuzte die Arme über der Brust und biß die Zähne zusammen. Katerina Iwanowna blieb im Saal und setzte sich auf einen Stuhl, den man ihr anwies. Sie war bleich und saß mit niedergeschlagenen Augen da. Diejenigen, die in ihrer Nähe gesessen hatten, erzählten später, sie habe lange noch wie im Fieber gezittert. Nach ihr erschien Gruschenka zum Verhör.
Ich nähere mich jetzt der Katastrophe, die sich ganz plötzlich entlud und durch die Mitjäs Sache verloren, sein Leben eigentlich erst zugrunde gerichtet wurde. Denn ich bin überzeugt, und alle Juristen haben es nachher gleichfalls ausgesprochen, daß man, wenn dieser Zwischenfall sich nicht ereignet hätte, wenigstens mildernde Umstände zugunsten des Angeklagten angenommen hätte. Doch davon später. Jetzt noch zwei Worte über Gruschenka.
Auch sie erschien ganz in Schwarz gekleidet; um die Schultern trug sie ihren wundervollen schwarzen Schal. In ihrer leichten, unhörbaren, etwas wiegenden Gangart, wie sie sonst nur volleren Frauen eigen ist, näherte sie sich der Ballustrade. Sie sah weder nach links noch nach rechts, sondern blickte unverwandt auf den Vorsitzenden. Meiner Meinung nach war sie sehr schön in diesem Augenblick und durchaus nicht zu bleich, wie die Damen später behaupteten. Man sagte auch, sie hätte ein böses Gesicht gemacht. Ich denke nur, daß sie sehr gereizt war und als sehr schwer empfand, allen diesen verächtlich-neugierigen Blicken unseres skandalgierigen Publikums ausgesetzt zu sein. Sie hatte einen stolzen Charakter, der keine Verachtung ertragen konnte, einen von denen, die, wenn sie Verachtung argwöhnen, sofort in Zorn aufflammen und eine Gegenwehr suchen. Natürlich war dabei viel Schüchternheit und innere Scham wegen dieser Schüchternheit, so daß es schließlich kein Wunder war, wenn ihre Aussagen ungleich, bald zornig, verächtlich und zuweilen gezwungen grob waren, bald wieder von Herzen kommende Worte, aufrichtige Selbstverurteilung und Selbstbeschuldigung durchklangen. Manchmal sprach sie so, als wenn sie sich in einen Abgrund stürzen wollte: „Einerlei, was dabei herauskommt, aber ich sage es doch ...“ In bezug auf ihre Bekanntschaft mit Fedor Pawlowitsch bemerkte sie nur kurz abweisend: „Das sind alles Dummheiten, bin ich denn schuld daran, daß er sich mir aufdrängte?“ Nach einer Minute aber fügte sie hinzu: „Ich bin an allem schuld, ich lachte über den einen und den anderen, über den Alten, wie auch über – diesen ... und ich habe sie beide bis dahin gebracht. Meinetwegen ist alles geschehen!“ Als man auf Ssamssonoff zu sprechen kam, sagte sie barsch und herausfordernd: „Das geht niemanden etwas an! Er war mein Wohltäter, er hat mich aufgenommen, als meine Verwandten mich aus dem Hause jagten.“ Der Vorsitzende machte sie sehr höflich darauf aufmerksam, daß sie nur auf die Fragen zu antworten habe, ohne sich in unnützen Ausführlichkeiten zu ergehen. Gruschenka errötete, und ihre Augen blitzten auf.