Fetjukowitsch fragte sie, wie ich mich erinnere, unter anderem auch über Rakitin und die fünfundzwanzig Rubel aus, die sie ihm versprochen hatte, wenn er Alexei Fedorowitsch Karamasoff zu ihr brächte.
„Was ist denn dabei Wunderbares, daß er das Geld nahm!“ sagte Gruschenka verächtlich lächelnd, „er ist doch immer zu mir gekommen, um mich anzubetteln, manchmal habe ich ihm an dreißig Rubel im Monat gegeben, und eigentlich war es nur Verschwendung, denn für Essen und Trinken hatte er selbst Geld genug.“
„Aus welchem Grunde waren Sie denn so freigebig zu Herrn Rakitin?“ griff Fetjukowitsch auf, ungeachtet dessen, daß der Vorsitzende wieder eine unruhige Bewegung machte.
„Er ist doch mein Vetter. Seine Mutter und meine Mutter waren leibliche Schwestern. Er hat mich nur immer gebeten, ich solle es niemandem hier sagen, er schämt sich ja meiner so sehr!“
Dieses neue Faktum kam allen ganz unerwartet, niemand hatte etwas davon gewußt, weder im Kloster, noch in der Stadt, sogar Mitjä nicht ausgenommen. Man erzählte sich später, daß Rakitin auf seinem Stuhle vor Scham feuerrot geworden sei. Gruschenka hatte noch vor ihrem Eintritt in den Saal erfahren, daß Rakitin gegen Mitjä ausgesagt hatte, und war deshalb wütend auf ihn. Die ganze Rede des Herrn Rakitin, seine ganze edle Gesinnung, alle seine Bemerkungen über die Leibeigenschaft, über die staatliche Unordnung Rußlands – alles war jetzt vernichtet! Fetjukowitsch war sehr zufrieden. Überhaupt fragte man Gruschenka nicht allzulange, und sie konnte ja auch nichts Neues mehr mitteilen. Im Publikum hinterließ sie einen sehr unangenehmen Eindruck. Hunderte verächtlicher Blicke waren auf sie gerichtet, als sie sich nach beendetem Verhör ziemlich weit von Katerina Iwanowna auf ihren Stuhl niederließ. Mitjä hatte die ganze Zeit, während der sie verhört worden war, geschwiegen und zu Boden gestarrt, als wäre er versteinert.
Da erschien als Zeuge Iwan Fedorowitsch.
V.
Die Katastrophe
Er war schon vor Aljoscha aufgerufen worden, doch der Gerichtsvollstrecker hatte dem Vorsitzenden gemeldet, daß der Zeuge infolge plötzlichen Unwohlseins nicht sofort erscheinen könne, sobald er sich aber besser fühle, bereit sein werde, seine Aussagen zu machen. Das war übrigens von niemandem gehört worden, erst später wurde es erzählt. Sein Erscheinen wurde im ersten Augenblick fast gar nicht bemerkt: Die Hauptzeugen, besonders die beiden Gegnerinnen, waren schon verhört worden, die Neugier war vorläufig befriedigt. Im Publikum verspürte man sogar eine leichte Ermüdung. Nur einige Zeugen sollten noch vernommen werden, die aller Wahrscheinlichkeit nach nichts Besonderes mehr aussagen konnten, da doch alles schon ausgesagt worden war. Die Zeit aber rückte vor. Iwan Fedorowitsch näherte sich ganz absonderlich langsam, ohne jemanden anzusehen, den Kopf gesenkt, als dächte er stirnrunzelnd über etwas nach. Er war tadellos gekleidet, doch sein Gesicht machte, wenigstens auf mich, einen krankhaften Eindruck: es war etwas gleichsam Überirdisches in diesem Gesicht, etwas, das dem Gesichte eines sterbenden Menschen ähnlich sah. Seine Augen waren trübe. Da blieb er stehen, erhob seinen Blick und ließ ihn langsam über den ganzen Saal gleiten. Ich sah, wie Aljoscha plötzlich von seinem Stuhl aufsprang und angstvoll ein „Ach!“ hervorstieß. Ich erinnere mich dessen noch ganz genau. Doch nur wenige bemerkten es.
Der Vorsitzende erinnerte ihn zuerst daran, daß er ein unvereidigter Zeuge sei, daß er nach Belieben aussagen oder schweigen könne, doch dafür jedes Wort auf Treu und Gewissen sagen müsse usw. usw. Iwan Fedorowitsch hörte ihm zu und sah ihn mit seinem trüben Blick schweigend an. Plötzlich aber begann sein Gesicht sich allmählich zu verändern, auf seinen Lippen erschien ein Lächeln, und als der Vorsitzende vor Verwunderung zu sprechen aufhörte, da lachte er auch schon laut auf.
„Nun, und was noch?“ fragte er mit lauter Stimme.