II.
Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit
Er beeilte sich, ins Hospital zu kommen, in dem Mitjä jetzt lag. Am zweiten Tage nach seiner Verurteilung hatte Mitjä so hohes Fieber gehabt – es war natürlich ein nervöses Fieber –, daß er aus dem Gefängnis ins Stadthospital, in die Abteilung der Arrestanten, verbracht worden war, doch hatte der junge Doktor Warwinskij auf Aljoschas und vieler anderer (Frau Chochlakoffs, Lisas usw.) Bitte den Kranken nicht bei den Gefangenen, sondern in einem abgesonderten Raume untergebracht, und zwar in derselben kleinen Kammer, in der auch Ssmerdjäkoff gelegen hatte. Außerdem stand ja am Ende des Korridors ein wachhabender Soldat, und auch das Fenster war dort vergittert; so wagte denn Warwinskij schließlich nicht viel mit seiner nicht ganz gesetzlichen Nachsicht. Der junge Mann hatte ein gutes, mitfühlendes Herz. Er konnte es nachempfinden, wie schwer es einem Menschen, wie Mitjä, sein mußte, so plötzlich unter Mörder und Räuber versetzt zu werden. Er verstand, daß man sich an diese Gesellschaft wenigstens erst gewöhnen mußte. Der Besuch von Verwandten und Bekannten war sowohl vom Arzt, als vom Inspektor und sogar von unserem Polizeichef erlaubt worden – unter der Hand, versteht sich. Doch hatten Mitjä in diesen Tagen nur Aljoscha und Gruschenka besucht. Zweimal hatte auch Rakitin unbedingt zu ihm gewollt, doch Mitjä hatte Warwinskij dringend gebeten, ihn nicht zu ihm zu lassen.
Als Aljoscha eintrat, saß Mitjä in den Hospitalkleidern auf seiner feldbettartigen Schlafstelle. Er schien noch Fieber zu haben. Um den Kopf und auf der Stirn hatte er ein Handtuch, das mit Wasser und Essig angefeuchtet war. Mit einem unbestimmten Blick sah er Aljoscha an, als dieser eintrat, doch flimmerte es in seinem Blick zuerst wie ein vorübergehender Schreck.
Mitjä war seit seiner Verurteilung auffallend nachdenklich geworden. Zuweilen schwieg er halbe Stunden lang, während er dem Anscheine nach mit Mühe etwas überdachte und darüber den Anwesenden ganz vergaß. Verließ ihn aber die Nachdenklichkeit, und fing er zu sprechen an, was gewöhnlich ganz unerwartet geschah, so sprach er unbedingt nicht davon, wovon er eigentlich sprechen wollte. Zuweilen sah er den Bruder mit flehendem Blick an, und Aljoscha fühlte dann mit jeder Fiber, wie schwer er litt. Wenn Gruschenka bei ihm war, schien es ihm leichter zu sein, als wenn Aljoscha allein bei ihm saß. Und wenn er auch mit ihr kaum etwas sprach, so verklärte sich doch sein ganzes Gesicht vor Freude, sobald sie nur eintrat. Aljoscha setzte sich schweigend neben ihn auf das Lager. Mitjä hatte ihn voll Unruhe erwartet. Nun wagte er nicht, ihn etwas zu fragen. Es schien ihm undenkbar, daß Katjä einwilligen könnte, zu ihm zu kommen, und doch fühlte er gleichzeitig, daß, wenn sie nicht käme, er diesen Zustand nicht lange ertragen würde. Aljoscha begriff seine Gefühle.
Plötzlich fuhr Mitjä auf und begann geschäftig:
„Trifon Borissytsch soll sein ganzes Haus auseinanderkratzen, sagt man, er soll alle Dachsparren untersuchen, alle Bretter abreißen, die ganze ‚Galerie‘ soll er abgetragen haben. Er sucht immer noch den Schatz, diese tausendfünfhundert Rubel, von denen der Staatsanwalt behauptet, ich hätte sie dort versteckt. Kaum daß er zurückgekehrt ist, soll er sofort angefangen haben zu suchen. Na, ich wünsche ihm viel Vergnügen, dem Spitzbuben! Das hat mir hier der Wärter gestern erzählt; er ist von dort.“
„Höre, Mitjä,“ sagte Aljoscha, „sie wird kommen, nur weiß ich nicht, wann. Vielleicht kommt sie heute, vielleicht erst in den nächsten Tagen, das weiß ich nicht, aber kommen wird sie bestimmt, das weiß ich genau.“
Mitjä fuhr zusammen, wollte schon etwas sagen – sagte dann aber doch nichts. Diese Nachricht war erschütternd für ihn. Man sah ihm an, daß er noch mehr von dem Gespräch Aljoschas mit Katjä erfahren wollte, daß er sich aber nicht zu fragen getraute, sich vor einer Antwort vielmehr bis zur Pein fürchtete: Etwas Hartherziges oder Verächtliches von Katjä zu erfahren – wäre für ihn in diesem Augenblick zu grausam gewesen.
„Und höre, was sie unter anderem noch gesagt hat: Ich solle dein Gewissen wegen der Flucht unbedingt beruhigen. Und wenn auch Iwan bis dahin nicht gesund werden sollte, so wird sie allein die ganze Sache in die Hand nehmen.“
„Das hast du mir schon gesagt,“ bemerkte Mitjä in Gedanken versunken.