„Ja, was denn,“ murmelte Peredonoff.

„Die Leute unserer Zeit sind ein Zerrbild auf das menschliche Geschlecht,“ tobte Awinowitzkji, „Gesundsein halten sie für eine Gemeinheit. Ein Deutscher hat das Unterhemd erfunden. Diesen Deutschen würde ich nach Sibirien verbannen. Wenn ich mir das vorstelle, mein Wladimir im Unterhemd! Den ganzen Sommer über läuft er im Dorf barfuß und da soll er ein Unterhemd tragen! Er bringt es fertig, aus dem Schwitzbad nackt im härtesten Winter ins Freie zu laufen, sich im Schnee zu wälzen, und der soll ein Unterhemd tragen! Hundert Stockschläge sollte man jenem Deutschen aufzählen.“ — Von diesem Deutschen, der das Unterhemd erfunden hatte, lenkte Awinowitzkji auf andere Verbrecher ab.

„Die Todesstrafe, mein Bester, ist keine Barbarei,“ schrie er. „Die Wissenschaft hat nachgewiesen, daß es Leute gibt, welche als Verbrecher geboren werden. Damit, lieber Freund, ist alles gesagt. Man muß sie vertilgen, aber nicht auf Staatskosten erhalten. Zum Beispiel so ein Verbrecher! Fürs ganze Leben ist ihm ein warmer Winkel im Zuchthaus gesichert! Er hat gemordet, Häuser angesteckt, genotzüchtigt, — nun muß der steuerzahlende Bürger für den Unterhalt dieses Schurken sorgen! Keine Rede, es ist viel gerechter, ihn zu hängen und außerdem ist es billiger.“

Der runde Tisch im Speisezimmer war gedeckt. Auf dem weißen, roteingekanteten Tischtuch standen einige Teller mit fetten Würsten und anderen gesalzenen, geräucherten und marinierten Gerichten; dann waren da eine Reihe von Flaschen und Karaffen von verschiedener Größe und Form, gefüllt mit allerhand Schnäpsen und Likören. Alles das war ganz nach Peredonoffs Geschmack, und sogar eine gewisse Unordnung in der ganzen Einrichtung behagte ihm.

Der Hausherr fuhr in seinen Anklagen fort. An das Essen anknüpfend, gedachte er vernichtend der Kolonialwarenhändler und redete dann, Gott weiß warum, über die Erbfolge.

„Die Erbfolge ist eine ausgezeichnete Einrichtung!“ schrie er darauf los. „Den Bauern zum Herrn machen ist dumm, lächerlich, unsittlich und sinnlos! Das Land liegt brach, die Städte füllen sich mit Geldgierigen; Mißernten, Flegelhaftigkeit und Selbstmorde sind die Folge, — gefällt Ihnen das etwa? Unterrichten Sie den Bauer, wieviel Sie wollen, nur lassen Sie ihn nicht im Stande aufrücken. Die Landbevölkerung verliert sonst ihre besten Leute und wird immer ein niederträchtiges Pack bleiben, während der Adel andererseits durch den Zufluß dieser unkultivierten Elemente leidet. Im Dorfe taugte so ein Bauer mehr als die andern, den Adel hingegen erniedrigt er zu etwas Grobem, Unritterlichem, Unvornehmem. In erster Linie lebt er für den Erwerb, für seine alltäglichen Leibesinteressen. Jawohl, mein Lieber, die Kasten waren eine weise Einrichtung.“

„Ja,“ sagte Peredonoff böse, „auch unser Direktor ermöglicht jedem Lümmel den Eintritt in das Gymnasium. Wir haben sogar einfache Bauern, gar nicht zu reden von der Unmenge von Bürgerlichen.“

„Das hört sich ja nett an!“ rief der Hausherr.

„Es gibt so eine Bestimmung, daß man nicht jeden beliebigen aufnehmen soll; er tut doch was er will,“ klagte Peredonoff, „fast ohne Ausnahme nimmt er jeden auf. ‚Das Leben bei uns in der Stadt,‘ sagt er, ‚ist billig, und wir haben sowieso wenig Schüler.‘ Was ist denn dabei, daß es wenig sind. Es wäre besser, wenn es noch weniger wären. Mit der Korrektur der Hefte wird man sowieso nicht fertig. Kein vernünftiges Buch kann man lesen. Und die Jungen wenden wie mit Absicht die knifflichsten Worte an, — immerwährend muß ich im orthographischen Wörterbuch nachschlagen.“

„Trinken Sie einen Schnaps,“ schlug Awinowitzkji vor, „was wollen Sie eigentlich mit mir besprechen?“