Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als käme ihm die Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewußtsein, senkte er seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs:
„Es muß gesagt werden, daß ich an Schülern der Distriktsschulen vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht über allem Zweifel, daß die weitaus größere Zahl außerordentlich fleißig und gewissenhaft ist. Natürlich kommen, wie überall, Vergehen vor und infolge der Unbildung des Milieus kann es geschehen, daß diese Vergehen recht grob zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevölkerung Rußlands das Gefühl für Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschöpft erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders groß ist, so wäre es natürlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu lassen, zu den allerstrengsten Maßnahmen zu greifen. Dieses hat aber auf alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit Ihnen darin überein, daß die Erziehung in den genannten Schulen viel zu wünschen übrig läßt. Madame Steven hat in ihrem — à propos sehr interessanten Buch — Sie kennen es doch? ...“
„Nein, Exzellenz,“ sagte Peredonoff verlegen, „ich fand noch keine Zeit dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.“
„Nun, das ist nicht so dringend notwendig,“ sagte Weriga liebenswürdig lächelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu lesen. „Also, besagte Frau Steven erzählt sehr entrüstet, wie zwei ihrer Schüler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu körperlicher Züchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und — beachten Sie wohl — wir alle hätten uns gequält, solange diese schmähliche Strafe über sie verhängt gewesen sei. Später wurde dann das Urteil abgeändert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven hätte ich mich geschämt, diese Geschichte in ganz Rußland zu verbreiten: stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: für einen Diebstahl! Da schreibt sie noch, es wären ihre besten Schüler gewesen. Aber Aepfel können sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte doch lieber gleich eingestehen, daß man das Eigentumsrecht nicht anerkennt.“
Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er faßte sich gleich wieder und setzte sich.
„Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten aufziehen,“ sagte Peredonoff.
„Haben Sie etwas in Aussicht?“ fragte Weriga.
„Ja, die Fürstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.“
Weriga machte ein liebenswürdiges Gesicht.
„Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glück wünschen zu dürfen. Ich zweifle nicht daran, daß Sie die Sache vortrefflich leiten werden.“