„Nun wird in der Stadt über mich allerhand verbreitet, Exzellenz, — es ist nicht ausgeschlossen, daß das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen könnte; das würde meine Ernennung verhindern und tatsächlich bin ich unschuldig.“
„Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerüchte aufgebracht hat?“ fragte Weriga.
Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte:
„Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich weiß keinen. Man redet nur so. Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerüchte mir im Dienst schaden können.“
Weriga überlegte, daß es ihm gleich sein könne, von wem das Gerede ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff ängstlich und niedergeschlagen anhörte:
„Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um meine Vermittlung (Weriga wollte sagen „Schutz“, aber er enthielt sich dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen nicht wohlwollende Gerüchte laut geworden sind. Von diesen Gerüchten ist mir nichts zu Ohren gekommen und es muß Ihnen tröstlich sein, daß die Verleumdungen über Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der städtischen Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein — um mich so auszudrücken — in niedriger Verborgenheit führen. Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie, — wiewohl Sie berufsmäßig im Dienste stehen, — dennoch gleichzeitig auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschätzen, und die Würde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend, eines von jenen, deren geheiligter Fürsorge wir, die Eltern, unser kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewußtsein berühren.“
Während des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und während er sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des Schreibtisches stützte, blickte er Peredonoff mit einem nichtssagend-liebenswürdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie man etwa eine größere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten muß. Auch Peredonoff war aufgestanden. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und blickte verdrießlich auf den Teppich zu den Füßen des Hausherrn. Weriga sprach:
„Ich weiß es auch darum zu schätzen, daß Sie sich an mich gewandt haben, weil es bei den Angehörigen des vornehmen Standes besonders angebracht erscheint, daß sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen eingedenk sind, daß sie von Adel sind, daß sie diese ihre Zugehörigkeit zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in Rußland steht, wie Ihnen natürlich bekannt ist, vorwiegend im Staatsdienst. Streng genommen müßten alle staatlichen Aemter, mit Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Händen des Adels vereinigt sein. Der Umstand, daß Leute verschiedenen Standes in kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache für eine so unerwünschte Erscheinung wie jene, welche gegenwärtig Ihre Ruhe trübte. Verleumdung und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, daß das allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden wird, auch bitte ich Sie, sich völlig auf meinen ungeteilten Beistand in dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.“
„Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz,“ sagte Peredonoff, „so darf ich denn auf Ihren Beistand rechnen.“
Weriga lächelte liebenswürdig, blieb aber stehen und deutete damit an, daß die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fühlte er plötzlich, daß sie garnicht am Platz gewesen wäre und daß Peredonoff nichts weiter als ein ängstlicher Streber nach guten Stellen war, ein Streber, der Schutz suchend über jede Schwelle stolpert. Er entließ ihn mit kalter Gleichgültigkeit, die er diesem Menschen gegenüber wegen seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte.