Am Sonnabend wollte Peredonoff den Chef der Landpolizei aufsuchen. Zwar hat er nicht soviel zu bedeuten, wie der Adelsmarschall, dachte Peredonoff; aber er kann einem eher schaden als die anderen und doch wieder — wenn er nur will — einem beistehen mit seinen Aussagen bei der vorgesetzten Behörde. Die Polizei ist eine wichtige Einrichtung.

Peredonoff nahm aus einer Hutschachtel seine Dienstmütze. Er beschloß, fortan nur diese Mütze zu tragen. Der Direktor kann es sich erlauben mit einem Hut herumzugehen, er ist bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, er aber — Peredonoff — muß sich seine Beförderung zum Inspektor erst erwerben; es ist nicht gut, sich nur auf die Protektion zu verlassen, man muß auch bestrebt sein, allerorts im besten Lichte zu erscheinen. Schon seit einigen Tagen, noch bevor er angefangen hatte, die Honoratioren zu besuchen, hatte er daran gedacht, aber wieder war ihm, rein zufällig, der alte Hut unter die Hände geraten. Jetzt ergriff er Gegenmaßregeln: er schleuderte den Hut auf den Ofen, — so war es ausgeschlossen, daß er ihn wieder aufsetzte.

Warwara war ausgegangen. Klawdja, das Dienstmädchen, wusch die Fußböden in den Empfangszimmern. Peredonoff ging in die Küche, um sich die Hände zu waschen. Auf dem Tisch lag eine blaue Papierdüte, aus der einige Rosinen herausgefallen waren. Es war ein Pfund Rosinen gekauft worden, um sie in das Teebrot einzubacken. Peredonoff fing an, die schmutzigen, nicht gereinigten Rosinen zu essen und verschlang schnell und gierig das ganze Pfund. Er war vor dem Tisch stehen geblieben und schielte nach der Tür um von Klawdja nicht ertappt zu werden. Dann rollte er die Papierdüte sorgfältig zusammen, brachte sie unter dem Rock in das Vorzimmer und steckte sie in eine seiner Manteltaschen, um sie später auf der Straße fortzuwerfen, und so alle Spuren zu vertilgen. Er ging. Sehr bald vermißte Klawdja die Rosinen, erschrak, suchte sie überall und fand sie nicht. Warwara kam nach Hause, hörte von den verschwundenen Rosinen und machte Klawdja die heftigsten Vorwürfe: es stand ihr fest, daß das Mädchen die Rosinen aufgegessen hatte.

Auf der Straße war es windig und kein Mensch war zu sehen. Einige Wolken verdeckten die Sonne. Die Pfützen begannen zu trocknen. Der Himmel leuchtete in matten Farben. Aber Peredonoff war traurig.

Unterwegs ging er beim Schneider an. Vorgestern hatte er bei ihm eine neue Uniform bestellt. Er sollte sich mit der Arbeit beeilen.

Als Peredonoff an der Kirche vorbeiging, nahm er die Mütze ab und bekreuzigte sich dreimal. Das machte er so augenfällig als möglich, damit alle Vorübergehenden sehen sollten, wie der künftige Inspektor an der Kirche vorbeiging. Früher hatte er das nie getan, jetzt empfand er es als Notwendigkeit. Vielleicht geht ein Spion hinter ihm her oder irgend jemand steht an der Straßenecke oder hinter einem Baum und beobachtet ihn.

Der Chef der Landpolizei wohnte am andern Ende der Stadt. Vor der Pforte, die weit aufgetan war, stand ein Schutzmann; das war eine Begegnung, die Peredonoff seit den letzten Tagen mit Angst erfüllte. Auf dem Hofe hielten sich einige Bauern auf; auch sie sahen ungewöhnlich aus, sie waren so merkwürdig still und schweigsam. Der Hof war schmutzig. Einige mit Bastgeweben verdeckte Bauernwagen standen umher. Auch im dunklen Vorhaus stand ein Schutzmann, ein kleiner, schmächtiger Mensch, der pflichtbewußt und betrübt aussah. Er stand regungslos da und hielt ein Buch in schwarzem Ledereinband unter dem Arm. Ein zerzaustes Mädchen kam barfuß aus einem Nebenzimmer gelaufen, half Peredonoff aus seinem Ueberzieher und führte ihn dann ins Besuchszimmer, wobei sie immerfort wiederholte:

„Bitte treten Sie ein. Sjemön Grigorjewitsch wird gleich kommen.“

Das Empfangszimmer war sehr niedrig. Peredonoff fühlte sich bedrückt. Die Möbel waren dicht an die Wände gerückt. Der Fußboden war mit schlichten Hanfmatten bedeckt. Rechts und links hinter den Wänden hörte man Geflüster und verschiedene Geräusche. An der Tür standen blasse Frauen und skrophulöse Kinder, sie hatten gierige, blanke Augen. Manchmal konnte man einige Worte der geflüsterten Unterhaltung verstehen:

„Hast du gebracht ...“