„Und wie haben Sie es erfahren?“ fragte Warwara ungläubig.
„Liebste Warwara Dmitriewna, alle Welt spricht davon. Plötzlich wurde Verdacht geschöpft: alle Jungen betragen sich wie Jungen, dieser ist so still, schleicht einher, wie ein nasses Huhn. Und sieht man erst sein Gesicht an, ein fixer Bengel scheint es zu sein, so rosig, so vollbrüstig. Er ist so bescheiden, seine Kameraden haben es schon bemerkt, kaum sagt man ihm ein Wort, so wird er rot. Das ist auch sein Spitzname: Mädchen. Sie wollen sich über ihn nur lustig machen und wissen gar nicht, daß es wirklich so ist. Und stellen Sie sich vor, wie schlau sie vorgingen: nicht einmal die Pensionsmutter weiß etwas.“
„Woher haben Sie es denn?“ wiederholte Warwara.
„Liebste Warwara Dmitriewna, was erfahr ich nicht alles! Ich kenne doch jedermann. Das wissen doch alle, daß dort im Hause ein Junge lebt, der ebenso alt ist, wie dieser. Warum sind sie nicht zusammen ins Gymnasium eingetreten? Man sagt, er sei den Sommer über krank gewesen, müsse sich ein Jahr erholen und wird dann wieder zur Schule kommen. Aber das ist alles Unsinn, — das ist ja gerade der bewußte Gymnasiast. Und andrerseits ist bekannt, daß dort ein junges Mädchen war. Man erzählt, sie habe geheiratet und sei jetzt im Kaukasus. Das ist wieder eine Lüge, sie ist überhaupt nicht fortgefahren, sondern lebt hier als Knabe verkleidet.“
„Mir ist die Berechnung dabei unklar!“ meinte Warwara.
„Wie, was für eine Berechnung!“ sagte die Gruschina lebhaft, „einen von den Lehrern wollen sie einfangen, es gibt doch Junggesellen genug darunter, oder sonst irgend einen andern. Als Knabe kann sie die einzelnen in ihren Privatwohnungen besuchen und weiß Gott was alles tun.“
Warwara sagte erschreckt:
„Ein abgelecktes Mädel!“
„Und wie noch!“ pflichtete die Gruschina bei, „schön wie ein Bild. Nur jetzt im Anfang tut sie so schüchtern; das wird sich geben mit der Zeit; sie wird alle in der Stadt hier umgarnen. Und, stellen Sie sich vor, wie schlau sie sind: kaum hatte ich von der Sache Wind gekriegt, versuchte ich sofort mit seiner — soll heißen mit ihrer — Pensionsmutter zu sprechen; man weiß ja schon gar nicht, wie man sich ausdrücken soll.“
„Pfui Deibel — Gott verzeih mir — welche Gemeinheit!“ sagte Warwara.