Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, — er brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.
Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern. Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das Bett krochen unheimliche Schatten, — kleine, böse Teufel trieben ihr Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein wirklich gewordener, schwerer Alp.
Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob diese wieder an ihren alten Platz.
Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht finden, erschrak und schrie:
„Wo ist der Brief, Warja?“
Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:
„Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren. Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit denen du die Nächte durch trinkst.“
Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden, und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.
Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die — so schien es ihm — auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen.
Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz, in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen, wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er ging, so log er, — außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.