Chripatsch überlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die Pflichten eines Pädagogen wären, besonders, wenn man die Ehre hat, einer Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die Pflichten eines Pädagogen! Diese banale Ueberlegung beflügelte seine erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mußte Sascha hören:

„... Ihre erste Pflicht als Schüler, ist — zu arbeiten ... man darf sich nicht geselligen Vergnügungen hingeben, wenn diese auch sehr angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle muß gesagt werden, daß ein Verkehr mit Altersgenossen für Sie ersprießlicher ist .. Man muß sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ... Endlich, — ich sage es Ihnen geradeheraus, — habe ich Grund zu der Annahme, daß Ihr Verhältnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu großen Freiheit trägt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht entspricht.“

Sascha mußte weinen. Es tat ihm so leid, daß man von der lieben Ludmilla denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanständig und frei verkehren konnte.

„Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen,“ beteuerte er, „wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, — nun ja — haben getollt, — und weiter sind gar keine Freiheiten vorgekommen.“

Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die herzlich klingen sollte und traurig klang:

„Hören Sie mal, Pjilnikoff ...“

(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unförmlich, und eine diesbezügliche Verfügung des Ministers ist noch nicht getroffen!)

„Ich glaube Ihnen, daß nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin täten Sie gut daran, Ihre häufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, — es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und Vorgesetzter, sondern auch als Freund.“

Sascha blieb nichts anderes übrig, als sich zu verbeugen, sich zu bedanken — und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fünf oder zehn Minuten gelaufen, — bemühte sich aber doch, sie an jedem Tage aufzusuchen. Es war doch ärgerlich, sie nur so flüchtig sehen zu können, — und seinen Aerger darüber ließ er an Ludmilla selber aus. Es kam oft vor, daß er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder daß er sie schlug. Darüber mußte Ludmilla lachen.

Durch die Stadt ging das Gerücht, die Schauspieler des Theaters wollten in der Bürgermuße ein Kostümfest veranstalten mit Preisen für die schönsten Kostüme für Herren und Damen. Ueber die Preise waren die übertriebensten Gerüchte in Umlauf. Es wurde erzählt, die Dame würde eine Kuh erhalten, der Herr — ein Fahrrad. Diese Gerüchte erregten die Gemüter. Jeder wünschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll Eifer nähte man an den Kostümen. Man gab viel Geld aus und ließ es sich nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Pläne, damit die „glänzende Idee“ nicht vorweggenommen würde.