Genau so ein Kind wie früher, dachte die Tante zweifelnd. Oder ist er schon so verdorben, daß er seinen Gesichtsausdruck verstellen kann?
Sie schloß sich mit der Kokowkina in ein Zimmer und redete lange mit ihr. Traurig trennte sie sich von ihr und fuhr später zum Direktor. Ganz verstimmt und traurig kehrte sie heim.
Sascha mußte die härtesten Vorwürfe über sich ergehen lassen. Er weinte, beteuerte aber mit Feuereifer, alles wären nur Klatschereien und er habe sich nie irgendwelche Freiheiten in seinem Verkehr mit Fräulein Rutiloffs zuschulden kommen lassen. Die Tante glaubte ihm nicht. Sie schalt und schalt, weinte, drohte, sie würde ihn prügeln, gründlich prügeln, heute noch, — nur müsse sie zuvor diese jungen Damen gesprochen haben. Sascha schluchzte und beteuerte fortgesetzt, es wäre wirklich nichts Schlimmes vorgefallen, alles hätte man unglaublich übertrieben und erfunden.
Zornig und verweint machte sich die Tante auf den Weg zu Rutiloffs.
Katharina Iwanowna wartete im Salon bei Rutiloffs und regte sich auf. Sie wollte den Schwestern gleich von Hause aus die heftigsten Vorwürfe machen; böse, gehässige Worte brannten ihr auf der Zunge, — allein der gemütliche, hübsche Salon brachte sie ganz gegen ihren Willen auf friedlichere Gedanken und beruhigte sie.
Eine angefangene Handarbeit, Nippesfigürchen, gute Gravüren an den Wänden, sorgfältig gepflegte Blumen auf den Fensterbänken, nirgends ein Stäubchen, und dann etwas wie eine besondere Stimmung von friedlichem Zusammenleben, etwas, was in ungeordneten Hausständen niemals vorkommt, und von Hausfrauen außerordentlich geschätzt wird, — war es denn wirklich möglich, daß in dieser traulichen Umgebung ihr bescheidener Junge von den jungen Mädchen verführt worden war? Alle die Verdächtigungen, die sie über Sascha hatte lesen und hören müssen, schienen Katharina Iwanowna plötzlich so unglaublich töricht zu sein, — und, umgekehrt, wie wahrscheinlich klangen ihr nun Saschas Erklärungen darüber, was er bei Rutiloffs getrieben hatte: man hatte gelesen, geplaudert, gespielt, gelacht, gescherzt, — man wollte im Familienkreise eine kleine Maskerade veranstalten, aber Olga Wassiljewna hatte es nicht erlaubt.
Die drei Schwestern hatten aber doch einen gehörigen Schrecken gekriegt. Sie wußten noch nicht, ob Saschas Teilnahme am Kostümfest bekannt geworden war oder nicht. Aber sie waren zu dritt, und eine stand für die andre ein. Das ließ sie wieder Mut fassen. Sie hatten sich alle in Ludmillas Zimmer versammelt und berieten flüsternd. Valerie sagte:
„Man muß doch hingehen, — sie wartet. Wie unhöflich.“
„Das tut nichts. Mag sie sich abkühlen,“ antwortete Darja sorglos, „sonst fährt sie gleich wütend auf uns los.“
Alle drei hatten sich mit feucht-süßem Klematis parfumiert; — hübsch angezogen, ruhig, fröhlich, reizend wie immer, kamen sie in das Gastzimmer und erfüllten es mit ihrem liebenswürdigen Geplauder, mit ihrer Anmut und Fröhlichkeit.