„Das ist natürlich sehr, sehr lieb von Ihnen,“ sagte Chripatsch einigermaßen verlegen, „und es macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber der einfache Umstand, daß ich es für nötig hielt, die Verwandten des Knaben wegen der mir zu Ohren gekommenen Gerüchte zu benachrichtigen, geht Ihnen überflüssigerweise so nahe.“

Ludmilla überhörte, was er sagte und flüsterte weiter, aber schon im Tone eines bescheidenen Vorwurfs:

„Was ist denn dabei Schlimmes, — sagen Sie es mir bitte, — daß wir für einen Knaben Teilnahme empfinden, auf den sich Ihr grober, verrückter Peredonoff gestürzt hat, — wann wird man ihn endlich aus unserer Stadt entfernen! Sehen Sie es denn nicht, daß dieser Ihr Pjilnikoff noch ein ganzes Kind ist, — wirklich, ein ganzes Kind!“

Sie schlug ihre kleinen, hübschen Händchen zusammen, ihr goldnes Armbändchen klirrte, sie lachte zärtlich; — als müßte sie weinen, — nahm sie ihr Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, und ein süßer Duft strömte Chripatsch entgegen. Ihm wurde so merkwürdig zumut; er wollte ihr sagen, sie wäre „wie ein Engel vom Himmel, — so schön“, und dieser ganze betrübliche Zwischenfall „ist unwert eines Augenblicks, des über alles teuren Grams“. Aber er hielt an sich.

Und Ludmillas schmeichelndes, rasches Geflüster plätscherte und plätscherte, und zerstäubte das schimärische Lügengebäude Peredonoffs. Man mußte nur vergleichen, — der irrsinnige, grobe, schmutzige Peredonoff, — und die lustige, elegante, freundliche, duftende Ludmilla.

Ob Ludmilla die volle, ungeschminkte Wahrheit sagte oder einiges dazu dichtete, — das war Chripatsch ganz gleichgültig, — er fühlte aber, wenn er ihr nicht glauben oder mit ihr streiten, oder irgendwelche Schritte tun, beispielsweise Sascha bestrafen würde, — daß er dann in die Klemme geraten würde und im ganzen Lehrbezirk blamiert wäre. Um so mehr, als diese Sache mit jener Peredonoffs in Verbindung stand, und als Peredonoff natürlich allgemein für unzurechnungsfähig galt. Und liebenswürdig lächelnd sagte Chripatsch zu Ludmilla:

„Es tut mir aufrichtig leid, daß das alles Sie so erregt hat. Ich habe mir keinen Augenblick erlaubt, gleichviel welche Hintergedanken betreffs Ihres Verkehrs mit Pjilnikoff zu haben. Ich schätze Ihre freundlichen und gütigen Gefühle, die Sie zu Ihren Schritten veranlaßt haben, sehr hoch, — und keinen Augenblick beurteilte ich die in der Stadt verbreiteten und bis zu mir gedrungenen Gerüchte anders als wie eine dumme, sinnlose Verleumdung, die mich aufs tiefste empört hat. Ich hielt mich um so mehr für verpflichtet, Madame Pjilnikoff davon zu benachrichtigen, als es möglich war, daß ihr viel entstelltere Mitteilungen gemacht werden konnten, — niemals beabsichtigte ich aber, — Sie irgendwie zu beunruhigen, und hatte nicht geglaubt, daß Madame Pjilnikoff sich zu Ihnen begeben würde, um Ihnen Vorwürfe zu machen.“

„Mit Madame Pjilnikoff haben wir uns vollständig ausgesprochen,“ sagte Ludmilla fröhlich, „lassen Sie aber Sascha unsretwegen in Ruh! Wenn unser Haus für Gymnasiasten so gefährlich ist, so werden wir ihn, wenn Sie es wünschen, nicht mehr einladen.“

„Sie sind sehr freundlich zu ihm,“ sagte Chripatsch unbestimmt. „Wir können nichts dagegen einwenden, daß er mit Erlaubnis seiner Tante in der freien Zeit seine Bekannten aufsucht. Uns liegt die Absicht fern, die Schülerwohnungen in Zellen zu verwandeln. Bevor übrigens die Angelegenheit mit dem Herrn Peredonoff noch nicht geregelt ist, wird es besser sein, wenn Pjilnikoff überhaupt zu Hause bleibt.“

Bald wurde die sicher vorgebrachte Lüge der Rutiloffs und Saschas durch ein schreckliches Ereignis im Hause Peredonoffs bekräftigt. Es überzeugte die Bürger endgültig davon, daß alle Gerüchte über Sascha und die Rutiloffs nur die Phantasien eines Irrsinnigen gewesen waren.