Aber er ist doch wohl alt genug, um sich bereits Gedanken über seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht – desto besser für ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?«

»Neugierig schon ...«

»Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier eines Buben zu befriedigen!« sagte Rolfers schroff.

Martha ließ das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett bringen dürfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich für die Linke zurecht und winkte ihm mit freundlichem Lächeln zu beginnen.

‘Jetzt hätten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Tränen und Vorwürfen,’ dachte Rolfers. ‘Ob das Leben sie so gleichgültig hat werden lassen? – Früher konnte sie doch genug Temperament aufweisen – Oder nennt man das nun weibliches Heldentum?’

Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn ein Dämon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller als sonst.

‘So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel verfolgt,’ überlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen die Gedanken ungestört nach allen Seiten wandern und Umschau halten konnten. ‘Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich bin hilflos, pflegebedürftig ... Sie sieht, daß mir ihre Dienste nicht unangenehm sind ... Wollte ich überhaupt leben – warum dann nicht ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft – die schließlich dieselben Wünsche und Pläne haben würde – und ohne ihre Berechtigung. Sie will mich einfangen – zweifellos – das Muttertier kämpft für ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden hat – tausendmal bewies

sie es –, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit einfach erwürgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege steht!’

Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne Rührung nach. Es war eine gleichmütig-philosophische Rührung.

Lieben kann sie mich kaum noch – so wenig, wie ich sie noch liebe. Das Aufflackern solcher Gefühle, die einmal ausgeschöpft und ausgelebt wurden, kommt wohl überhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite würde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu befürchten sein ...