Er faßte noch einmal eine mögliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich einen Tag, der noch zu leben sei – ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den tiefen Rausch des Schaffens ... zerlegte ihn in seine einzelnen Bestandteile und erkannte schaudernd, daß für solches im Jahre 365 mal sich wiederholendes Martyrium

seine ethische Kraft bei weitem nicht ausreichen würde.

Wie in das Glück eines süßen Betäubungstrankes versanken seine Sinne in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angefüllt mit den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des Vergehens über die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach Tod ergriff stärker als jemals sein ganzes Wesen und löste seine Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, spülte sie gleichsam hinweg, wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und verspülen, daß der Boden glatt, weiß, unberührt daliegt, wie am ersten Schöpfungstag.

Als Franz Rolfers am nächsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis aller Nachtträume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt

kommen zu lassen und sein Testament aufzusetzen. Die Hälfte dessen, was die wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte, sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen ein gut Teil in sich tragen mußte, die Zukunft sichern, dem Jungen vor allem die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung geben. – Die andere Hälfte wollte er zu jeweiligen Unterstützungen an junge Künstler von Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten, angelegt wissen. Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um so etwas wie Kunst in diesen wilden Zeitläuften ein ingrimmiges Lächeln nicht unterdrücken konnte.


Aus solchen Erwägungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie das nächste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu einem Beruf zeige.

»Er wird Maler wie du,« antwortete sie ohne sichtliche Freude oder Abneigung.

»Ein zeitgemäßer Plan,« höhnte Rolfers. »Waffenfabrikant soll er werden. Etwas anderes wird in den nächsten fünfzig Jahren bei uns kaum in Ehren stehen. Natürlich hast du dem Bengel die Kateridee beigebracht?«

»Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet,« sagte Martha.