Sie lächelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben.
»Ich denke, den Vertrauensbruch können wir verantworten,« sagte Rolfers.
Wieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und Stille ausgefochten werden mußte und zu keinem Siege, zu keiner Klarheit führte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in ihm, während er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gefühl der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf sich geladen hatte. Darüber kam er nicht hinweg. Er wußte, daß er im gleichen Falle wieder genau so handeln würde, wie er gehandelt hatte. Aber das Wissen nahm das Schuldgefühl nicht von ihm. Zwei Mächte rangen um seine Seele – gleich an Kraft und gleich in ihrer unerbittlichen Forderung an den Menschen, mußten sie sich ewig feindlich einander gegenüberstehen: das Individuelle und das Soziale. – Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der
Steigerung seiner einen persönlichen Kunst willen, tausendmal zuvor am Sozialen gesündigt, hatte es tausendmal verneint – weil er an die ewige Herrlichkeit seiner Göttin mit blindem Fanatismus geglaubt hatte ... Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in gewaltiger Jugend und Schöne hinaus über alle Kriege, über alle blutrünstigen Zerfleischungen und Wahnsinnsanfälle des Menschengeschlechtes – war sie nicht unvergänglicher als alle Vaterländer und alle nationalen Ideen? Die Staaten zerfielen – die Rassen veränderten sich und versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen Forderungen und Idealen – die Kunst lächelte ernst und heiter hinweg über sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben geborenes Kind begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben die Welt aufs neue zu erobern – die selbe Welt, in der ihre höchsten
Offenbarungen rücksichtslos zerstampft und verwüstet dem Sozialen zum Opfer fielen.
Rolfers wußte, warum er sterben wollte: In seiner völligen Opferung sah er einzig die Sühne für eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen müssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer einzigen Idee – der kann nicht mit zerklüfteter Seele armselig dumpf sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten Krankenhaus, das angefüllt war bis unter das Dach mit den mannigfachen Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der ihn ganz verstanden hätte. Wohl ihnen, daß die soziale Kraft in ihnen allen so übermächtig geworden war – wie hätten sie anders ihr Riesenwerk vollbringen können? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers unter ihnen wieder als der Einsame gefühlt, der er immer gewesen.
Nur heut war ein Funke in ihm aufgesprüht, der eine flüchtige leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach heißen oder nicht – gleichviel – da war ein Geschöpf auf Erden, in dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartnäckige Wille lebte, der ihn erfüllte – ein Wille, den er aufstacheln, bewußt machen, auf dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. – Und das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch geben? ... Marthas Mitleid brannte ihn wie glühend Eisen, das sich tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft bäumte sich auf gegen das Mitleid – in sich spürte er ein wildes Tier, das die Zähne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes
Weib! Wie er sie haßte, weil sie seine Schwäche gesehen hatte! Wie sich die Flamme seines Lebenswillens von Minute zu Minute stärker entfachte, wenn er sich ihres barmherzig-wehmutsvollen Blickes erinnerte ... Da – da – bei dem Knaben! Da war Sühnung und neuer Beginn! Er ahnte, daß in ihm das Unvereinbare zu verknüpfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf dem er nicht selbst ein Kämpfer in den ersten Reihen vorwärts schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer – Weiser – Hüter sein durfte – desto eigensinniger sein Verlangen, das Ungewohnte zu ertrotzen.