»Wir müssen eben nicht zu viel wollen – wir beiden Alten,« sagte Rolfers und lächelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig kühl und spöttisch.
»Mit dem Jungen ist’s anders. Der soll
nur wollen! Für ihn fällt doch manches Gute dabei heraus. Die neue Umgebung – Ein frisches Stück Welt ... Etwas sperren wird er sich anfangs ...«
»Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,« antwortete Martha in glücklichem Mutterstolz.
»Damit sprichst du sehr viel aus, Martha,« sagte Rolfers. »Ein besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die größten Pädagogen niemals angestrebt. Ich wünsche dir Glück dazu! – Nun wollen wir den Brief an Lütjes aufsetzen ... Es sind zwei hübsche Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie für dich und Richard herrichten! Paß auf – es gefällt dir, mal wieder auf dem Lande zu sein!«
»Es wird mir schon gefallen,« sagte Martha Lebus, und über ihr Gesicht verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit.
Die erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der Abreise in Berlin statt. Sie begrüßten einander auf dem Bahnhof wie zwei Fremde, die durch äußere Zufälle gezwungen sind, miteinander zu verkehren. Während der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der hartnäckig aus dem Fenster schaute. Er ließ es ruhig geschehen, daß Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, »Herr Professor« oder »Herr Rolfers« nannte. Es widerstrebte ihm durchaus, Ansprüche auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, gänzlich außer acht gelassen hatte. Er hätte auch kaum gewußt, wie er Vaterwürde darstellen sollte.
Zunächst enttäuschte ihn Richards Äußeres ziemlich stark. Er hatte unwillkürlich ein Abbild der eigenen Persönlichkeit erwartet, nur
mit dem Reiz der Jugend neugeschmückt –: eine schlanke geschmeidige Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur eben mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute Lächeln, das eigentümlich sonnig zuweilen über sein stubenblasses Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergnügen, daß er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise gefällig erwies. Das war ihm vorläufig wertvoller, als hätte sich Richard ihm gegenüber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den Stolz seiner Zurückhaltung.