Bei der langen Schlittenfahrt über die sturmumsauste Landstraße und später durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und geschützten Hohlwege, die Knicks der holsteinischen

Gegend, weilte sein Auge doch häufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm gegenüber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportmütze über die Ohren gezogen, auf dem schmalen Rücksitz das Gleichgewicht zu halten suchte, und sich nicht rührte, wenn dem Professor die schützende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft werden mußte. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig hübschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen hätte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen.

– Ob das störrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen zähen Kampf wird’s kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin würde man auch wissen, ob Deutschland in seinem Gigantenkampf

Sieger bleiben würde. Ehe man nicht diese eine von allen Gewißheiten mit sich nehmen konnte, eher hätte man doch nicht von hinnen gehen können.


So zog denn eine schweigsame Gesellschaft in das am Ende des Dorfesgelegene Landhaus. Seine Fenster blickten über einen schmalen Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von hohem Heckengestrüpp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie weiße Blumen in dem dürren Geäst. Das Haus wagte keineswegs den Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein niederes Kätnerhaus mit einem höheren, mehrere geräumige Zimmer und eine Glasveranda enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles überwuchs, verband die beiden Gebäude zu grüner Einheit. Rolfers führte Martha in die für sie bestimmten

Zimmer und ergötzte sich an ihrer durch Befangenheit schimmernde Freude über die hübschen, behaglich eingerichteten Räume. Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen Tannen, hohen Lebensbäumen und immergrünen Stechpalmengebüschen. Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten, buntgefleckten Stamm und die schöngebaute Krone vornehm, ungehemmt in die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen Gemüsebeete, von gradlinigem, buchsbaumumsäumtem Weg durchschnitten. Hinter der abschließenden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das frühere Kätnerhaus barg nur die Küche und zwei Wohnräume für das Ehepaar Lütje. Vor seiner niederen Tür gab es noch einen uralten moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits

des Hofes fand er den Stall für das braune Pferd, für ein paar Schweinchen, für Hühner und Enten, deren Zucht das besondere Tätigkeitsfeld der alten Frau mit dem schwarzen Tuch um den weißen Scheitel und dem winzigen Zöpfchen am Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, während Richard dort stand, mit einem Napf voll Futter für das Federvieh und nickte dem Jungen freundlich zu, während er aufmerksam das eifrige Getümmel der Hennen um die ausgestreuten Körner beobachtete. In der Scheune stand zwischen Hafersäcken, Zaumzeug und Gartengerätschaften ein leichtes Sommerwägelchen. Lütje putzte den Schlitten, der sie von der Bahnstation hergeführt hatte.

– – Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu einer Übersiedelung in Rolfers’ Haus zu bewegen. Sie mußte

sich fragen, ob sie ihren Einfluß auf ihn nicht bedeutend überschätzt habe. Er war empört und zürnte tief mit seiner Mutter, daß sie hinter seinem Rücken die alten Beziehungen wieder angeknüpft und sogar gepflegt hatte. Er nannte sie schwach und erbärmlich, von Rolfers auch nur ein Stück Brot anzunehmen! Was –? sie sollten ihm so geradehin gehorchen, dem Manne, der sie schmählich verlassen hatte, nun er sie herrisch wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte sich förmlich an zornigen höhnischen Worten, – seine Mutter hatte ihn noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte ja ein mächtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig sei, und vor der jede, aber auch jede persönliche Empfindlichkeit zu schweigen habe. Vor diesem Einwurf mußte er