verstummen, hier lag der Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht länger zu widersetzen. Keinesfalls wollte er sich aber durch die größere Bequemlichkeit der Lebensführung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche Erbärmlichkeiten verführen lassen, aus herber Abgeschlossenheit herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. Übrigens handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde als lästiges Anhängsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich empörend. Er beobachtete Rolfers mißtrauisch, konnte aber nichts andres bemerken als eine gleichmäßige Höflichkeit im Betragen gegen die Mutter. Donnerwetter, wär’s anders gewesen, er war zu manchem fähig und hätte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es würgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha
dem Mann mit liebevoller Demut diente – ihm hilfreich zur Hand ging, ihm das Fleisch zubereitete, das Obst schälte, den Wein einschenkte. Durch diese innerliche Wut bestärkte Richard sich dann wieder recht in dem Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den guten Speisen, die ihm vorzüglich schmeckten, nie zum zweitenmal zu nehmen, überhaupt nur gerade soviel, wie er notdürftig gebrauchte, zu essen. Leicht wurde ihm das nicht immer, denn die starke Luft dieses zwischen zwei Meeren gelegenen Landstriches brachte ihm einen ungeahnten gesunden Appetit, und der Professor wie die Mutter waren so grausam, ihm noch tüchtig zuzureden.
Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl ländlich einfach, doch mit selbstverständlichem künstlerischen Geschmack eingerichtet waren und manches merkwürdige Stück an volkstümlichen Schnitzereien und
Webearbeiten, an seltsamen alten Büchern und fremdländischen Gegenständen enthielten. Hundertmal wollte ihm eine Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit der Dinge über die Lippen springen und er mußte energisch die Zähne zusammenbeißen, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es immer, wenn am frühen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die altertümliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und Lütje geschickt wurde oder er selbst dahin stürmte, die neuen Zeitungen zu holen, und er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte über all die ungeheuren Taten, die draußen geschahen, sondern so stumm und abseits stehen mußte. Es war schon mit solchen Gelübden eine bittere Sache!
Dann wieder sagte er sich, daß er sich mit dem Manne doch nie verstehen würde. Für einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel
zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichgültigkeit, die den Jungen empörte. Er konnte, wenn beängstigende oder glorreiche Nachrichten kamen, die gedruckten Blätter schweigsam beiseite legen und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren. Das war dem Jungen unheimlich.
Am liebsten trieb er sich draußen im Garten und Hof, in Stall und Scheune herum. Da fand er eine höchst anziehende Welt. Mit dem alten Lütje hatte er sich schnell angefreundet und ließ sich von ihm nicht nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im Füttern und Aufzäumen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem Ziehbrunnen, schaute, von Märchenschauern durchströmt, in seine enge dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise glänzte, und lachte, wenn der hohe ungefüge Schwengel bewegt und die vor Alter kohlschwarzen Ledereimer an
einem Strick herabgelassen wurden, um gefüllt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als käme es aus dem geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und trüge etwas von Urkraft in sich. – Es war ihm täglich ein neues Entzücken, früh im Dunkelgrau des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Zügelführung zu lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu schnellster Gangart anzuspornen und mit einem kühnen Bogen vor der altertümlichen Wirtschaft des Städtchens vorzufahren, wo die Liese untergestellt wurde, während er selbst sich den Wissenschaften zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten Wissenswürdige von allen guten Dingen der Erde dünkten. Auch die Schuljungen langweilten ihn. Mit der
schweren verschlossenen, etwas hinterhältigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und Gutsbesitzersöhne wußte er nicht viel anzufangen. An Lebenserkenntnissen war er ihnen weit voran. Machte er eine Bemerkung, die ihm selbstverständlich schien, so begriffen sie ihn gar nicht, steckten hinter seinem Rücken die Köpfe zusammen und lachten. Auch wenn er begeistert neu entdeckte, was ihnen Altgewohntes war, und es nun plötzlich von einer ganz andern Seite beleuchtete und betrachtete, die ihnen gesucht und sonderbar vorkam. Hellauf loderte seine Freude an allem, was sich bewegte, wuchs, lebendig war in Tier- und Pflanzenwelt. Er konnte versunken stehen und den gefleckten Kühen nachschauen, die am Morgen durch die stillen Stadtstraßen getrieben wurden, und darüber den Schulanfang versäumen. Er brachte am liebsten selbst jeden Tag den Schweinen das Futter und sah
ihre gierigen Rüssel wühlen. Er starrte mit einer Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten Augen in das faltige scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, daß der Alte verlegen und geärgert sich brummend umwandte, als könne dieser Knabenblick ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf unbegreifliche Weise ans Licht bringen, wieviel Geld er auf der Sparbank liegen hatte, oder sonst Dinge ergründen, die nicht jeder zu wissen brauchte.