Rolfers hörte im Nebenzimmer oft mit Vergnügen auf die frische Stimme, die so übersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und Kurioses begegnet war. Er hütete sich, die beiden durch sein Erscheinen zu jähem Verstummen zu bringen. Es war ihm Bedürfnis, viel allein zu
sein, die Schmerzen, die ihn noch häufig plagten, mit sich selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben, ohne seine störende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden. Das mußte wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig.
Ihn, der keineswegs Anlage zu Gefühlsseligkeit hatte, bewegte es dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen Geschäftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am wenigsten in dieser Gegend zur Höflichkeit neigen, beim Anblick seines leer niederhängenden Ärmels mit linkischer Ehrfurcht die Mützen zogen. Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vorüberging, oder sprangen herzu, ihm hilfreich eine Tür, ein Gatter zu öffnen. Frauen
traten näher, fragten, wo er sich »das« geholt – und »Ihrer« sei auch dabei, und wann er meine, daß der Friede käme, als habe die Tatsache seiner Verwundung genügt, ihn mit hellseherischen Kräften auszurüsten. Andre brachten ihm die letzten Äpfel, die ersten frischen Eier ins Haus oder ein altes Huhn zu einer kräftigen Fleischbrühe. Rolfers hatte niemals viel Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt – er hatte vor allem frei und unbelästigt in seinem Häuschen leben wollen – er wußte auch jetzt gut genug, daß diese Zeichen von Liebe und Freundlichkeit kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen Empfinden der Dankbarkeit gegen die Schützer des Vaterlandes gegeben wurden. Dennoch taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn fester mit den Menschen, die um ihn her unter den alten grünbemoosten hohen Strohdächern wohnten. Sein Gruß wurde herzlicher. Hier
und da blieb er selbst stehen, mit den Alten, die auch die Söhne an der Front hatten, eine Zwiesprache anzuknüpfen, nach Briefen zu fragen, Erklärungen zu geben, soweit er es vermochte, Nachforschungen über Verwundete und Vermißte in die richtigen Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, fühlte er sich unter Freunden, und es bedrückte ihn nachgerade mit einer unerträglichen Spannung, daß der eigene Sohn in ihm nur den »Feind« zu sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards unfreundliches und kaltes Wesen, was ihn bekümmerte, sondern vielmehr die Unfähigkeit des Jungen, sich aus dem Persönlichen zu einer höheren und stärkeren Anschauungswelt aufzuschwingen.
Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann
kam seine Verwundung mit dem hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des Ortes. Rolfers glaubte die Angelegenheit längst vergessen und tat auch keine Schritte, sie wieder in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm das Kreuz durch den Oberst seines Regimentes im Auftrage des Generals doch noch übersandt. Er ging hinüber in das gemeinsame Eßzimmer, wo er Martha und Richard hörte, um der Frau das Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm das schwarzweiße Bändchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wußte er genau, er tat dies nur für den Knaben.
Richard kam näher, nahm das Kreuz, während es auf dem Tisch lag, in die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann wieder hin, warf einen scheuen glänzenden Seitenblick auf Rolfers und beschäftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen.
»Du bist doch ein rechter Stoffel,« schalt Martha. »Kannst du nicht dem Onkel Glück wünschen?« Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung für die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden.