kamen sie in einen Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr dürres Laub, ihre Äste knarrten und stöhnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase. Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Töne, als jammerten verfolgte Menschen in großer Qual.
»So denk’ ich mir die Argonnen,« rief Richard atemlos. »Donnerwetter, wenn man sich vorstellt, daß es so von allen Seiten kracht und prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt dürrer Zweige.«
»Und man tritt in Leichen, statt in faulende Blätter. Nein, Junge, man kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,« grollte Rolfers’ Stimme. »Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen die finsteren Moorwälder dort. Und die Angriffe nachts in der rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man nicht weiß, hat man Freund oder Feind im Griff der Fäuste
– man ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von Schlachtenbildern gesehen hat – was man von früheren Kriegen in der Schule gelernt hat – alles kindischer lächerlicher Kitsch gegen die Greuel von heute. Junge – für’s Vaterland sterben – das klingt ... Aber in so einem Mordwald liegenbleiben – von den Weiterstürmenden vergessen – und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bäumen herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab – jeden Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach dem eigenen Messer – kann nicht dazu – kann nicht ... liegt wehrlos da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glücklich vorüber sind, der Durst, der wie die Hölle ist, der Hunger, das Rasen in den Eingeweiden, die Angst – und das kleine Viehzeug, was sich nun leise scheußlich in den eignen Wunden an die Arbeit
macht ... Junge, was unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als das Sterben fürs Vaterland –«
Richards Augen glühten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm sprach. – Er – er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so objektiv erzählte. Es wühlte in des Jungen Zügen, es riß wie Schmerz und Lust an seinem Herzen. Sein glänzender Blick hing voll scheuer Andacht an dem leeren Ärmel – dort waren die Wunden, in denen die Würmer gehaust – er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis über das schöne weiße qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fühlte den Krieg – fühlte jäh geoffenbart sein Entsetzen ...
Rolfers’ Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des Knaben blasses
Gesicht und seine Erschütterung bemerkte, was vollführe ich für ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen ...
»Komm weiter,« brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. Über den Himmel jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die sie trieben. Dazwischen glänzte hartes helles Blau – die Landschaft leuchtete in einem jähen Licht weit hinaus, in starken kindlichen Farben: die blankgrüne Wintersaat, die fetten schwarzen frischgebrochenen Äcker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen Pflug mit hageren Gäulen, die gleich ihm daheim geblieben, über die Breite führte. Und die sprießenden Moorwiesen, auf denen schon die
schwarz-weißen Kühe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefüge grün- und braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsköpfige Kinder spielend mit dem kläffenden Hündchen. Alles voll Heiterkeit und blitzendem Frohsinn.