Rolfers sah lachend auf den Jungen: »Mach’ kein so verstörtes Gesicht, sie fressen dich nicht.«
Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrüßte sie. Richard hatte sich Gräfinnen anders vorgestellt. Die Jüngere trug einen grauen Lodenmantel über dem Trauerkleid und einen ziemlich schäbigen schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschürzt, die Füße in derben Lederstiefeln. Trotz des ländlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor sprachen, war sehr herzlich – es mußten gute alte Bekannte sein. Die junge Gräfin sagte, sie habe gestern erst gehört, daß er zurück sei und schwer verwundet – und habe bereits zum nächsten Morgen den Wagen bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so tapfer marschierend zu finden. Er
müsse mit seinem jungen Gast zu ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn später nach Haus fahren lassen, denn er dürfe sich durchaus nicht überanstrengen.
Rolfers zögerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und fragte mit der freien Liebenswürdigkeit, die zuweilen an den Damen der großen Welt so bezaubernd wirken kann: »Nicht wahr, du bist auch meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen ist, muß er sich stärken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den magst du doch?«
Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Füllen auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.
»Mein Schüler,« stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gräfin rief lebhaft: »Ja, verzeihen Sie, daß ich Sie du nannte – Sie sehen noch so jung aus ...«
»Das ist er auch noch – vorläufig nichts weiter als ein Schulbub.«
Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurück, der Professor zwischen den beiden Damen – sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege überhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er verwunderte sich, daß die alte Dame nicht weinte, während sie von ihrem jüngsten Sohn sprach – er war noch nicht neunzehn Jahre alt gewesen – ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden Ausdruck, ihr Mund lächelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her. Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes – über den Kummer hinaus erhaben.
Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wänden schöne gebauchte Rokokokommoden mit Meißner Porzellanfiguren
standen, man saß auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen. Die Gräfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel Silbergeschirr und eierschalendünnen Täßchen besetzt war. Nachdem der alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre Gestalt war.