hier halten. Obschon ich dich entbehren würde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich weiß, ich bin ein unangenehmer Geselle – war es immer – bin es heute mehr als je zuvor.«

»Ich kenne dich besser,« sagte Martha weich. »Was kommt auf mich an. Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da muß ich mich oft wundern.«

»Er ist doch mein Fleisch und Blut,« sagte Franz Rolfers ernst und seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lüge, dachte er, aber mag es immerhin sein – sie würde ja nie verstehen, daß ein Fremder mir dasselbe hätte werden können, wenn er Richards Talent und seinen Arbeitseifer hätte.«


Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden über Rolfers’ Verkehr im Schloß und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht teilzunehmen wünschte. Sie hatte

sich viele gute und kluge Worte zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen Angelegenheit und zu Rolfers’ Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Es fand sich niemals die passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten – seit wie langer Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie sprachen sehr eifrig über den Krieg und die Zeitungsnachrichten, über Schützengräben und Friedensaussichten. Später rückte sich Richard die Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den Wagen rollen hörten, der den Professor zurückbrachte. Die Selbstverständlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestört. Von den beiden Menschen, die so eng zusammengehört hatten, fühlte sich, durch ein drittes Element geschieden, plötzlich jeder

in seiner eigenen Welt, mit seinen eigenen Kämpfen beschäftigt, weit entfernt von dem anderen.

Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, daß alles für ihn neu zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich erlahmen müsse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei allem, was der ältere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, daß er sofort abreisen oder einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch unsympathisch wurde, ihm durch gegensätzliche Ansichten über Kunst, durch den Klang der Stimme, durch irgendeine Äußerlichkeit auf die Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht für Monate in die Einsamkeit

begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fraß an seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wüten sah, die schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schönheit, an Jugend, an reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte, bedrückte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten vermochte.

Oft hätte er den widerborstigen Bengel schütteln und ohrfeigen mögen und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung für das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin, dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit deines doppelt reich und herrlich blühe?