Rolfers sagte sich, daß er verzichten müsse, dem Jungen menschlich näherzukommen, er besaß dafür wohl ein für allemal nicht die richtige Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt – ursprünglich. Nur spürte er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich auseinanderzuhalten waren. Beide Mächte beeinflußten sich gegenseitig in einer Weise, die ihm erschütternde neue Erfahrungen brachte.

Sein ganzes Werk an Richard – diese eigenartige, scharf durchdachte, ganz persönliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde in Frage gestellt, ja völlig unmöglich gemacht, wenn der Junge sich ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem heftig aufgestörten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mißtrauen gegen des Lehrers Anweisungen zu

finden war. Und je mehr Richard geistig von ihm abrückte, desto strenger wurde Rolfers in seinen Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begründung.

– So ärgerte es den Professor maßlos, daß Martha hinter seinem Rücken ihrem Sohn einen Malkasten mit Ölfarben geschenkt hatte, trotzdem er den Jungen vorläufig noch ganz auf das Zeichnen beschränkt wissen wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich ließ er sich noch einmal herab, seinem Schüler die Gründe für seine Forderung zu erklären. Richard hörte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen – den verbotenen Kasten unter dem Arm.

Lange würden die Dinge so nicht weitergehen können.

– – Ist es immer und überall Elternlos, zu geben – zu schenken – nichts dafür einzutauschen – nicht Dankbarkeit – nicht Liebe – nicht einmal ein wenig Anhänglichkeit? so fragte sich Rolfers oft. Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu bestehen, um weiter zu blühen? Galt von ihnen das gleiche wie von der Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar für sich verlangt. Das wußte er gut genug. Die rücksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmöglich geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen Geschöpf, einem jungen, neu

beginnenden zu verstehen und ihm gerecht zu werden?


– – – Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen hätte! – Aber nun sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder zurück in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben – aber sich selbst aufgeben, das schien ihm unmöglich. Mit vierzig Jahren und ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe – konnte er das vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich empört gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.

Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu lassen, dem Werk, in das er sich so glühend verbissen hatte? Es forderte das letzte Opfer von ihm – und das konnte er nicht bringen.