Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die Blätterknospen aufbrachen, und sah mit heißen überwachten Augen dem alten Lütje zu, der sorglich die Rosen an neue Stöcke band. Bei den Gemüsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweiße ihres Angesichtes. Sie war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit Kartoffeln, Rüben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst nicht häufig im Dorfe aufzutreiben war, gab’s jetzt in diesen Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Güte. So pflegte sie lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Düngung, Saat- und Pflanzzeit, studierte Bücher wie den »kleinen Kriegsgemüsegarten« und den »Blumengarten der deutschen Hausfrau«, hantierte mit Spaten, Steckholz und Rechen, wurde rotbäckig und fröhlich in der neuen Tätigkeit.

»Sie wächst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fühlen,« dachte Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit. Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer Tau und die Pflänzchen zwischen den noch kahlen stachligen Rosenbüschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder. Hier und da blühten schon Büschel von gelben Primeln, von blauen Perlhyazinthen und den zarten Glöckchen der Scilla. Die breiten Irisblätter drängten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten die gefiederten Blättertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen Bauernpflanzen gab es in Rolfers’ Garten, wenn der Sommer auf seiner Höhe stand, mußte auf den Rabatten ein dichtgedrängter tausendfarbiger Blumenflor sein Malerauge entzücken. Er hatte Martha freie

Hand gelassen, für Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte, das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.

Als er vorüberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebückten Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glänzten in dem erhitzten Gesicht, unter dem weißen Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte, hing ihr blondes Haar in losen Löckchen über die Stirn.

Schon sind ihre Bewegungen wieder kräftiger und behender geworden, und wie hübsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers, als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer weiß, erblüht ihr eine neue Jugend?

Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und streng verschlossen. Die Augen blickten sehr müde in all dies Keimen und Drängen jungen Daseins. Während hier die Pflanzen trieben und sich entfalteten,

ungestört wachsen durften wie in jedem Jahr, und die Amsel im Gebüsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnäckiger und grauenhafter mit jedem Tage. In der Früh hatte er die Nachricht bekommen, daß wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jünger, ein fester und ehrlicher deutscher Künstler, bei einem Sturmangriff gefallen war – Kopfschuß – sofort tot. Der Glückliche ...

Für ihn selbst mußte der Kampf ein Leben lang dauern. Warum für ihn, und für jenen das schnelle leichte Ende?

Er ging an der Frau vorüber, es war ihm nicht nach einem behaglichen Geplauder zumute. Er öffnete das Pförtchen in der Tannenhecke und trat hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen überrieselt,