die die leichte Bewegung aus den höheren Bäumen schüttelte. Der Knick war in seiner ganzen Länge mit Fliederbäumen eingefaßt – die würden, wenn der Mai kam, in duftenden blauen Blütenwogen prangen – aber noch war es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Häuschen des Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demütig in den Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weißer Nebel lag noch über dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das sprossende Grün der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen Wasserläufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die Frösche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergißmeinnicht mit kleinen, fröhlichen Blauaugen.
Die Ebereschenbäume zur Seite des Weges entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stieß ein Kiebitz seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging träumend auf dem schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance des Frühlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen Linien der Landschaft, immer überweht von der herben Luft, die vom Meer herüberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden Düfte all des Sprossens und Werdens ein, fühlte die warmen Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde schwerer und schwerer vor Traurigkeit.
Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand stand, wie in einen
durchsichtigen silbergrünen Schleier gehüllt, jene Gruppe schöner Birken, die der frühere Besitzer seines Hauses, der gute Pötsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers’ Rat gewaltsam von dem Stück Heimaterde losriß, in das er sich festgerannt hatte. Heute saß der Unglückliche irgendwo in Sibirien in russischer Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie möglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darüber gemütskrank geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst längst von Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen – oder ob er noch einmal heimkehren würde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden,
die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto setzen.
Herrgott – war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden? Die durchwachten Nächte trugen mit Schuld, er wußte es wohl. Die Nächte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlöschte und ein einsamer Mann sich übte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zähen Energie eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder, Bleistift und Kohle zu führen, wie ihr Herr es wollte – und am Ende auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.
Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets tröstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken
Hand so sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut – aber ihm stand die Übung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es vielleicht auch – wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schämte sich, es dem Licht des Tages zu zeigen, verschloß sorgfältig den Raum vor allen fremden Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Lütje, der die gute Eigenschaft besaß, überhaupt nichts zu sehen. Unerträglich wäre es ihm gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt hätten. Darum übte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wußte, und kämpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis, das rings um ihn her über dem Lande lag und
wie ein Feind durch die Fenster zu ihm einzudringen versuchte.
Klagend seufzte der Wind über die Wiesen, eintönig klatschte der Regen oder er pickte und rieselte noch melancholischer – oder der Sturm rüttelte an Dachziegeln und Läden. Selten erfreute ihn ein Blick auf klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn er, sich einen Augenblick der Erholung gönnend, zum Fenster trat und sich aus den geöffneten Flügeln hinausbeugte in die Nachtluft.