unmöglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren Steifheit und Schwäche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein Todfeind.
Lange saß er auf einem gefällten Stamm unter den hohen Buchen und ächzte laut in bitteren Qualen, und fühlte, wie es ihm heiß und salzig aus den Augen rann und die Wangen hinablief.
Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu beweisen, daß Manneswille das Unmögliche erzwingen kann. Wie die draußen an der Front Tag und Nacht das Unmögliche dem höchstgespannten Menschenwillen
abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehörte er nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die Übermacht eines ungeheuren Schicksals besiegen, das mußte er als einzelner ihnen gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend heranwuchs – und wieder Kunst machen und Schönheit neu schaffen und die Alten verachten durfte ...
Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nächsten – in vielen folgenden Nächten, die er einsam arbeitend durchwachte und durchkämpfte.
Vielleicht half ihm ein künstliches Glied, das ihm an sich als etwas greulich Unästhetisches, seinen künstlerischen Geschmack Verletzendes zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wäre es gewesen, den leeren Ärmel herabhängen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Lütje, prüfte, wählte, ließ ändern und wieder ändern in der Werkstätte für Prothesen. Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte seine Ehre darein, dem Künstler mit dem bekannten Namen, den das harte Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte Rolfers äußerlich als ein für den flüchtigen Blick gesunder und wohlgebildeter Mann nach Haus zurück.
Martha freute sich kindlich. Sie hatte längst gewünscht, er möge sich zu diesem letzten Schritt entschließen. Es war ihr unbegreiflich,
daß er so lange damit gezögert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, für ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr und Kühle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei allen notwendigen Übungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner bedienen zu lernen, ließ er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten Lütje helfen und verschmähte ihren Beistand. Sie mußte ihm das Essen auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers mehr und mehr von ihr und Richard zurück und umhüllte sein verwundetes Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.