Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten

und grausamen Ausbruches auf den Professor vollständig erfaßt. Ein wirbelndes Gefühl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn.

Als das strenge feine Antlitz, das ihm schöner erschien als irgendein andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und der schlanke große Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bäumte ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem Herzen: »Das habe ich gekonnt – ich – Rächer meiner Mutter und meiner Jugendschmach!«

Und er hätte geradeheraus lachen mögen, laut und wild und triumphierend lachen. Er biß die Zähne aufeinander und knirschte mit ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum Schluchzen geworden wäre, und weil er sich entsetzte über die Wirkung seiner Worte.

Armer Rächer – auch ihm kamen nun schlaflose Nächte, in denen er sich wälzte und in sein Kissen wühlte, um die Tränenfluten zu verbergen, die sein Gesicht überschwemmten.

Er heulte, weil er sich fürchterlich verachtete. Als Kind hatte er sich oft vorgestellt, daß er seinen Vater töten müsse – daß dieses Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit über ihm schwebe. Und er hatte sich immer ausgemalt, wie es geschehen würde. Er sah sich Rolfers zum erstenmal gegenüberstehen und den Dolch erheben – grauenhaft, kurz, gewalttätig schön ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein – niederträchtig ...

– Sein leidenschaftlich unbändiges Herz wurde durchschüttert von unermeßlichem Mitleid. Es bedrängte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefühl ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es für diesen Mann

heißen wollte, nicht mehr arbeiten können – leben müssen und nicht mehr wirken dürfen ... Blind und taub, dumm und beschränkt war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung für die Seelengröße, die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was für sie selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand bei Richard fest. Nein – er durfte sich auch selbst niemals verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur daß das so wehtat, hatte er nicht geahnt. Daß ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und verbrannt war, mußte er nun tragen. Ja – er genoß den Schmerz, rang sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen des Vaterlandes – das kämpfende Vaterland in ihm! Was – er hatte ihm Kälte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen – aber während

er, Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schönen Träumen, hatte der andre sich geopfert – hatte gelitten –! War denn der Professor nicht zum Krüppel geworden – damit das Vaterland frei blieb – damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und Künstler werden dürfte – wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll arbeiten – das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers’ Rat, ohne seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt haben mußte.