So nahm der Junge es auf sich, daß Rolfers sich nicht mehr um ihn kümmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet hatte – deren Folgen er tragen mußte. Ging ihm noch scheu aus dem Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der gesunde Jungenschlaf

überwältigte, ernsthafte und eindringliche Phantasiegespräche mit ihm, konnte stundenlang grübeln über ein Wort, das der weltreife Mann flüchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und Bedeutung der Knabe sich nun abquälte.

– Ob diese Zeit groß oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft erweisen. Die Größe einer Zeit hänge nicht von Kriegen und Siegen ab, auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und Helden seien nur die zu nennen, die sich als Träger eines Gottgedankens fühlen, – nicht die, welche für ihr Fleisch und Blut, für die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kämpften. Bewundernswert auch diese, ja, – aber noch lange nicht Helden.

Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, für die sein Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mußte er

dem Professor grollen, daß er ihn von Berlin fort in diese Einöde geführt hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur in die Ferne lauschend spüren konnte, während er in Berlin sich ganz hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.

– – Warum in der Tutmesbüste des Königs Amenophis und in denen seiner kleinen Töchter, der ägyptischen Prinzessinnen, ein größerer Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? – Das Wort hatte Richard, als er es hörte, heftig erzürnt, ja erbittert. Er spürte daraus eine Gegensätzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft zwischen seinem Wesen und Rolfers’ Wesen. Der Mann – der Weltkünstler, für den es keine Grenzen gab, keine nationalen

Unterschiede – nur Unterschiede in Stärke und Schwäche, in Schön und Häßlich, für den dieser Krieg keine Aufwärtsbewegung, sondern einen Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten Europäertums.

»Guter Europäer« – auch so ein Ausdruck, den der Junge haßte. Womöglich sollte er auch noch ein guter Ägypter werden – nein, er bedankte sich. Diese ägyptische Kunst, von der der Professor so viel hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum – neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie ihm nicht das geringste – er stand ganz verständnislos vor den Kolossen – das seltsame starre Götterlächeln erboste ihn nur. Was hatten sie so zu lächeln, über die Welt und alle ihre bedrängende wundervolle Schönheit weit hinaus! Am liebsten hätte er sie

zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen Zerstörungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger Stil bis zur Wut kränkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schloßwiese war ihm mehr als alle die strengen Götter und Könige, als Amenophis mit dem überfeinerten geistreich-kränklichen Gesicht und die Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Töchter. Wie die Pupille des Tieres in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm – wie das Geschöpf ihn ansehen konnte – so dumm-unschuldig ... War das nicht zum Schreien schön ...? Und das wunderlich ungefüge weiche Pferdemaul mit den großen Nüsterlöchern darüber, das zarte Rosa an ihren Rändern ... Gott – – welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten Fohlenmaul – in einem schwimmenden Tierauge.

Nein, wahrhaftig, er würde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht an Freude, an Glück aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Höhe schlug ... die und keine andere! Und wenn’s ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht betrügen lassen – auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, daß man hätte brüllen können, dafür war man eben deutscher Kämpfer und verbiß den Schmerz.