Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrötige Junge stand in hilfloser Verlegenheit vor ihr und ließ die Flut ihrer heftigen Worte wie einen Regenguß über sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt,
daß Richards Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht unbegabt, nur grenzenlos verträumt, und wenn er nicht einen energischen Anlauf nehme, so könne er unmöglich in der neuen Klasse, in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schülern Schritt halten.
– »Und eitel wirst du auch noch,« klagte die Mutter, nachdem er dies alles hatte anhören müssen und nicht wußte, was er darauf erwidern sollte, denn es war ja leider die Wahrheit – er, Richard, war stinkend faul. »Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster Fehler,« hörte er seine Mutter zanken, »aber jetzt muß ich meine Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch suchen. Das ist einfach rücksichtslos von dir. Für solchen Kommunismus bin ich nicht zu haben, merk’ dir das ... Ja,« wendete sie sich zu Rolfers, »meine Flasche
Kölnisches Wasser hat er mir auch stibitzt – was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein Mädel von der Tauentzienstraße – pfui Teufel!«
Also doch –! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lächelte verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte, eine seltene Mischung von Veilchenparfüm, Schmierstiefeln, Pferdestall und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch daß Richards dunkelblonder, wüster Haarschopf dem kleinstädtischen Friseur zum Opfer gefallen und durch eine kurzgeschnittene Bürste ersetzt worden war, nicht eben zur Verschönerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Härte wunderlich miteinander stritten und vorläufig nur die hellen glanzvollen Augen zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft üben konnten.
»Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gründlich mit dem Direktor über Richard sprechen,« sagte Rolfers. »Er hat natürlich recht und Richard muß sich Mühe geben. Zu einer Zurückversetzung darf es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das würde seine Stellung in der Schule unmöglich machen. Dann müßte man ihn sofort herausnehmen und es käme die Frage mit den gräßlichen Instituten, Pressen und dergleichen an die Reihe. Er hätte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen, zum Träumen und zum Zeichnen. Die Penne muß durchgemacht werden, wie der Schützengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir sagen, Richard, – mancher von den Bengels hat sich brennend nach der Schulklasse zurück gesehnt, wenn er’s auch nicht Wort haben wollte.«
Rolfers wandte sich zu dem Jungen und
seine dunklen tiefliegenden Augen flammten über ihn hin.
»Ehe ich mit dem Manne über dich rede, muß ich erst Klarheit haben, was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder Künstler – was soll’s werden?«