Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des Professors. Es machte ihn tief glücklich, in der Form der Nägel, der Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens Ähnlichkeiten zu entdecken. Und ein inneres heißes Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Künstlerhand des geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen dürfen. Und er fühlte zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der Vernichtung. Fühlte sie an dieser einen Menschenhand,

die das Schöne geschaffen hatte und niemals wieder schaffen würde. Langsam bildete sich in ihm das Neue – das Verständnis und das Wollen: ein Erbe zu sein ... Sein Schüler, – o ja –! Der Professor hatte selbst gesagt, das habe mit Gefühlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn – dem Gedanken war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es aus den Gründen seines Herzens herauszureißen. Und wie im Märchen ging es zu – das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff. –

Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schüler des Professors – er war sein Sohn ...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mußten auch in ihm lebendig sein! Spürte er nicht seine Gabe des Schauens, die Fähigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis

in die Fingerspitzen – und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im tiefsten verwandt fühlte ...

Wie junger Wein war seine Liebe, würzig und herbe und voll perlender Frische und hätte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschämt, daß sie nie den Ausdruck für all dies Quellen und Drängen und all die goldenen Seligkeiten gefunden hätte. Eine Liebe, die keine Zärtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich nicht mehr aufhielt mit der Oberfläche der Dinge, sondern gleich eindrang in den Kern der Persönlichkeit des andern. Ein flüchtiges, ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte tagelang in glücklichem Schweigen von dem

wenigen. Und suchte seltene eigene Wege der Opferung.

Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespältigem Gefühl. Fragte sich zuweilen: Ist’s nicht zu spät? Ist ein Vertrauen zwischen Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein für allemal unmöglich? Denn ein Groll saß ihm noch im Herzen seit jenem schlimmen Abend an der Schloßwiese vor dem Fohlen. Er fühlte seitdem die Feindschaft dessen, der zurückgedrängt wird, der der Jugend das Feld räumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun war der zum Sieger über ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so schnell. Ließ ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das Glück des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen gegenüber – war eine Viertelstunde lang herzlich, gut, aufgeschlossen, zog sich dann wieder für

ganze Tage kühl zurück. So ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit.

Der Flieder blühte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem Garten und seine Düfte schlugen mit süßen Dämpfen bis in die Veranda und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frühling hatte sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang versäumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, bröckelnden Gemäuer des alten Ziehbrunnens sprießten feine grüne Farnkräutlein und umkleideten seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schönheit. In den Büschen sang und klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrüne, flache Hände breitete der Tulpenbaum an seinen breiten Ästen aus und die alten knorrigen Apfelbäume waren nur noch zauberhafte Gebilde von rosenroten Blütengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus dem

vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue Schaum der Vergißmeinnicht goß sich darüber. Über dem Moor wogten silberne Gräser und rötlich blühender Sauerampfer. Das Laub der Birken dunkelte schon, aber hellgrün stand der Buchenwald in der Ferne. Und weiße, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder, luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte Ast- und Laubwerk, und blies durch die blühenden Graswellen, daß sie in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und wiegten.