Richard taumelte vor Glückseligkeit in diesem Frühlingsrausch, den er, das Großstadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Fülle seines Glanzes
kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrüne Seide der sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorüber an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-weiß gefleckten Kühe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehänge der blühenden Hecken in den Sandhohlwegen – in denen es zwitscherte und flötete von Leben der nistenden Vogelfamilien – jede Fahrt zur Schule mit der braven braunen Liese, die für den Militärdienst untauglich befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen ließ er die Zügel hängen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg – er aber schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche, das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weißen Sommerwolken. In der Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und im milden Weiß den Mond sich
spiegeln, daß das Geschwebe opalfarben zu schimmern begann – hörte versunken auf das Liebesgequake und Geschnarr der Frösche – auf all das Gleiten, Schlüpfen, Huschen der kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte – sah die märchenhafte Kröte, mächtig und schauerlich mit ihren Warzen auf dem Rücken träge über den Weg hüpfen wie ein verzaubertes Hexenweib, sah die seltsam verkrüppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen Wasserläufen hocken und ihre Zweige wie sehnsüchtige Arme in die Luft breiten – etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und wankte unter seinem Fuß, der da sank – sank – Er mußte eilend zurückspringen auf sicheren Boden – und ahnte tausendfach erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie hinauswagte.
Und die Schauer der Vergänglichkeit durchwehten kühl sein Blut, das noch eben pochte und glühte in seinen Adern, während die Nüstern die schweren taumelig süßen Liebesdüfte der Frühlingsnacht eintranken.
Und so geschah es, daß er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekräuts, die Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn, hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tür der schlafenden Mutter vorüber, um »Ihm«, den er dort oben wußte, ein Stück zu geben von seinem Glück. Nichts andres. Dunkelheit ringsum, Schwüle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsärmeln am Tisch, bei der elektrischen Birne, die hartes, weißes Licht auf das Blatt
warf, vornübergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der großen scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter großen runden Brillengläsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mühseligen, von all der Sommerherrlichkeit da draußen nur die paar Gräser in ihrer reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelöst, das seltsam schauerliche unlebendige Gebilde aus Drähten, Holz, spiegelndem Metall, Schnallen und Riemen, das künstliche Glied.
Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wußte nicht warum. Der Mann sah auf, fragte kurz: »Was willst du?« Und schob ein Blatt über seine Versuche.
Richard bemerkte es.
»Also, – was heißt das?« fragte Rolfers ungeduldig. »Warum kommst du herauf und störst mich?«