jubeln: Professor – Professorchen! Denn je vertraulicher der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wünsche hatte er auch an ihn.

Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den breiten Weg zwischen den Gemüsebeeten hinab und hinauf wandelte, an dessen Rändern nun schon die ersten Rosenknospen sich öffneten, fragte er seine Gefährtin sacht und ein wenig verlegen: »Sage, Martha, hast du keine alten Photographien – so dumme kleine Kinderbilder von dem Jungen? Die möcht’ ich wohl gerne einmal sehen.«

»Ich ließ sie in Berlin!« erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg betroffen. Er ging dann bald ins Haus ‘... Jetzt wird er bei Gebhardts sitzen,’ dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard in der Familie gastlich aufzunehmen, er wußte, daß dies in dem großgeführten Hause keine

Schwierigkeiten machte. ‘Oder vielleicht haben sie ihn auch ins Theater geführt. Wie er sich wohl gebärden wird ... ich wollte, ich könnte ihn sehen’ ... So träumte er sehnsüchtig und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.

Martha hatte sich ebenfalls früh in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie verschloß die Tür. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes abgegriffenes kleines Lederalbum und blätterte darin. Es enthielt die Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrängten Schuljungenköpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem Baumstumpf unter den Wandervögeln. Sie küßte

und streichelte die Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche Kosenamen, als seien sie lebendig.

»Nein, nein,« flüsterte sie, »die soll er niemals sehen – die sind mein Eigentum, meines allein – Seine süße Kindheit, die will ich mit niemand teilen – die gehört nur mir allein!«

Sie versteckte das Album wieder sorgfältig unter ihrer Wäsche und schob die Lade zu.

Lange saß sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte sich leise hin und her und schaute trübe vor sich nieder. Zuletzt raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe, rückte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschluß verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen, legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch einmal

rechnete sie auf dem Löschblatt verschiedene Zahlenreihen zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mußte sie zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil große Tränen auf das Papier fielen und die Schrift verlöschten. Endlich brachte sie ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch zustande. Sie ging hinaus und öffnete die Haustür. Oben lehnte sich Rolfers aus dem Fenster.