»Wer ist dort?«

»Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,« antwortete Martha und lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene Dunkelheit hinaus.


Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten überströmend. In Berlin und Hamburg

flatterten die Siegesfahnen von allen Dächern, denn Lemberg sei gefallen, und nun stürmten die Heere auf Warschau zu –! Und die Ausstellung –! Der Professor solle nur nicht glauben, daß die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr für Kunst haben wollten –! Gedrängt hätten sich die Leute – die Nationalgalerie habe das große Seestück gekauft, das mit der grauen schweren Luft und dem dunkeln Wasser – und es habe sich fein gemacht, daß schon bei der Eröffnung der Ausstellung daran gestanden habe: Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es sei aber noch ungewiß welches. Und Gebhardt hätte es schon telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gönnen, es zu berichten. Und lieb sei er zu ihm gewesen – Frau Gebhardt auch und der junge Gebhardt ... Nicht zu sagen –! Aber er wisse schon, wem er das zu verdanken habe.

Der Abend verging unter den fröhlichen Berichten des aufgeregten Knaben. Sie saßen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten, sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schönen schlanken Kristallkelche, die sonst im altertümlichen Glasschrank standen. Richard war ganz wild vor Entzücken. Martha schüttelte den Kopf und meinte, Rolfers verwöhne den Jungen, doch sie wurde überstimmt. Der Professor war lustig wie ein Akademieschüler – und die beiden heckten allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhüllten sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing Rolfers ihr die goldene Kette über den Kopf. Dann

holte Richard seine Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer mit, lehrte ihn auch Melodien von schönen alten Volksliedern. Martha hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder.

Einmal fragte Rolfers: »Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so blaß aus?« Doch sie meinte, es sei nur der grüne Schein von den dichten Weinranken.


Mit heißen roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard aus den weißen Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam, ihm den Gutenachtkuß geben.