Einige Augenblicke stand sie unschlüssig an seinem Bett. »Richard, willst du mir nicht noch einen Kuß geben?« fragte sie mit leiser demütiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und wühlte sein Gesicht in die Kissen ...

Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurück. Sie ließ die Türe geöffnet, denn ihr war, als könne sie jetzt nicht allein

sein, als müsse sie wenigstens noch seinen Atem hören. Leise und schnell legte sie sich nieder. Schwer hing die heiße Sommernacht über dem Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hörte, wie Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange still, so daß sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Könnte sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen ... Aber wenn er sich von ihr losmachen würde, wenn sie ihn verlieren müßte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So viele Jahre hatte sie in nüchterner Stille gelebt ... Nein, sie hätte gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch auf ihr. Sie hatte es längst verwunden. Sie war friedlich und froh in ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung

hatte sie jemals beunruhigt, daß ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein könnten, wie sie sie in den letzten Wochen durchgemacht hatte.

Sie hörte die Türe leise gehen, vernahm das Tappen nackter Füße. Sie unterschied Richards Gestalt im weißen Nachthemd. Er kam sachte näher, setzte sich zu ihr, beugte sich tief über sie nieder und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht wahr? ...«

Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihren Kopf an seine Brust. »Ich weiß nicht –! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch – – ja – ich glaube – ich liebe ihn immer noch ...«

Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann sagte er ruhig und sicher: »Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe

immer bei dir. Aber nun höre zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man will, muß man auch vertreten. Du mußt es ihm sagen.«

»Ich kann nicht!«

»Doch, du kannst. Er hält uns nicht zurück, wenn wir fortgehen wollen – dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und ich sage ihm, daß ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen uns.«