Bei Ermittelung derjenigen Pflanzennamen, für die ich aus eigener Erfahrung Gewähr leisten kann, habe ich daher auch stets vermieden, mich mit den Aussagen einzelner Eingeborenen zu begnügen. Zur Gewißheit der Zuverlässigkeit eines Namens bin ich erst in dem Falle gelangt, wo zwei, oder drei, oder mehrere Personen in der nämlichen Gegend unabhängig voneinander mir den gleichen Namen für ein und dieselbe Pflanze wiederholten. Auch wenn der bereits früher anderswo gehörte Name in einem entfernten Lande einer ähnlichen oder einer gleichgeschlechtlichen Pflanzenart zuerteilt wurde, war Sicherheit geboten für die Zuverlässigkeit des Gewährsmannes. Vor allem sind einer derartigen Prüfung vermittelst wiederholter Aussagen diejenigen Bezeichnungen zu unterwerfen, deren Etymologie durch die Trivialität der Bedeutung den Verdacht einer „ad hoc“ zur Befriedigung des Fragestellers frei erfundenen Namengebung erregt, oder, im entgegengesetzten Falle, wenn die Etymologie durch phantastische Extravaganz zu dem gleichen Mißtrauen Veranlassung geben konnte.
Wenn man die etymologische Bedeutung eines Namens hat, ist im Arabischen sicher die richtige Schreibweise gegeben; das trifft aber nur zu unter der Voraussetzung, daß die Etymologie eine richtige ist. Zu Mißdeutung gelangt am ehesten der Sprachgelehrte, der nicht Naturforscher ist, wenn er daheim beim Ergrübeln des Sinnes durch Nachblättern im Wörterbuch die den fraglichen Namen zusammensetzenden Wurzeln aufgefunden zu haben vermeint. Aus diesem Grunde sind auch die nur mit lexikographischen Waffen gerüsteten Deuter unter sich so selten der gleichen Meinung. Dazu kommt noch, daß alle Araber, der gemeine Mann mit inbegriffen, eine große Vorliebe für Wortspiele und namentlich auch für etymologische Namendeutungen haben. Durch Befragen der eingeborenen Gewährsmänner an Ort und Stelle, und angesichts des Objekts, wird man also nur in dem Falle zu einem zuverlässigen Urteil gelangen, wenn die Übereinstimmung der gemachten Angaben mit den morphologischen Merkmalen und anderen Eigenschaften oder Beziehungen der Pflanze in unzweifelhafter Weise festgestellt werden kann. Die Volksetymologie hat auch hier ihre Gefahren wie bei uns, z.B. in den Fällen „Sündflut“, „Altona“ u. desgl.
Auch darf man nicht, um sich für die etymologische Bedeutung des betreffenden Namens eine seinsollende Erklärung zu verschaffen, hypothetisch, eigentlich willkürlich beliebige Konsonanten an die Stelle anderer setzen, auch wenn man sich dazu aus sprachlichen Gründen berechtigt glaubt. Daß man bei derartigen Verbesserungen in der Mehrzahl der Fälle einem Irrtum verfällt, steht erfahrungsmäßig auf Grund vieler Beispiele fest.
Bei Namen, deren Etymologie einwandfrei feststeht, schon aus Gründen der allgemeinen Logik keinem Zweifel unterliegen kann, ist also, wie erwähnt, die Buchstabenwahl von selbst gegeben. In häufigen Fällen aber bleibt die etymologische Erklärung eines Namens nur eine scheinbare, vornehmlich sich aus dem Gleichklang der Laute ergebende. Da wird sie für die Rechtschreibung, wenn Mißdeutung der Merkmale oder gänzliche Unkenntnis der Pflanze hinzutreten, zur trügerischen Falle. Bei von fremdsprachigen Namen abgeleiteten oder nur durch Alliteration ihnen nachgeformten Bezeichnungen versagt jede Deutung, falls man den Schlüssel zu des Rätsels Deutung nicht besitzt. So würde beispielsweise in Cairo ein des Türkischen Unkundiger im Namen „muschmolla“ (fehlt S. 35 und 70, weil übersehen), dessen sich der arabische Gärtner häufig für die japanische Mispel bedient, gewiß nicht das „beschmēlek“ von Konstantinopel erraten, ebensowenig im „kelletūss“ der Algerier den Eucalyptus der Gärtner und der Botanik.
Aegypten, als das Land, das von jeher und von allen Seiten die verschiedenartigsten Kulturbeeinflussungen erfuhr, zeigt in seinem arabischen Wortschatz der Pflanzennamen in der Tat zahlreiche fremde Elemente, deren Schreibung nicht immer leicht ausfindig zu machen ist. Manche Namen haben sich in arabisierter Gestalt aus dem Altaegyptischen erhalten, namentlich aber sind es die Zier- und Nutzpflanzen der Gärten oder die Marktware liefernden Gewächse, von denen mehrere außer dem Türkischen auch dem Persischen und sogar dem Italienischen und Griechischen entlehnte Bezeichnungen erhielten.
In den südlichen Teilen des eigentlichen Aegypten treten Pflanzenarten auf, die ihr eigentliches Verbreitungsgebiet im anstoßenden Nubien oder im gesamten aegyptischen Sudan haben. Diesen sind häufig keine arabischen Namen eigen, sondern werden mit den bei den hamitischen Nachbarvölkern (Nuba, Bischarin und besonders bei den fast völlig arabisierten Ababde) gebräuchlichen Namen bezeichnet, die als dem arabischen Sprachschatz jener Gegend einverleibte angesehen werden müssen, namentlich wenn sie zugleich auch den echt arabischen Beduinen geläufig wurden.
Was nun die algerischen Pflanzennamen betrifft, so ist bei ihnen, namentlich innerhalb des Tel, des nördlichen Berglandes und der Küstenzone der Prozentsatz der fremdsprachlichen Beimengungen ein erheblicher, veranlaßt vornehmlich durch den in dieser Region überall gebotenen Kontakt mit den Berber-Dialekte sprechenden Kabylen. Indes laufen die beiden Sprachen zurzeit noch ziemlich unvermischt nebeneinander her und nur bei wenigen Namen ist der hamitische Ursprung nicht sofort nachweisbar. Im nördlichsten Saharagebiet, z.B. bei Biskra, haben sich ausschließlich echte arabische Pflanzennamen erhalten, die zugleich von der rasselichen Reinheit der arabischen Stämme Zeugnis ablegen. Die wenigen Ausnahmen beschränken sich dort auf einige Kulturpflanzen mit kabylischen Namen.
Wie in Aegypten griechische, so sind auch in Klein-Afrika heute noch einzelne Pflanzennamen aus vorarabischer Zeit erhalten geblieben, als das Latein noch allgemeine Umgangssprache war. Einige von diesen nehmen sich aus wie Übersetzungen ins Arabische, z.B. ssēf-el-ghorāb („Rabenschwert“) für Gladiolus, kalch („Prügelstock“ oder „Rute“) für Ferula, meschtta-el-ghūl[2]) („Kamm der Hexe“) für Scandix pecten veneris L.
Andere Namen verraten deutlicher ihren römischen Ursprung, d.h. sie sind meist dem Griechischen entlehnt, weil griechische Pflanzennamen während der Kaiserzeit ganz allgemein in Verwendung kamen, fast wie heute bei uns die botanisch-lateinischen. Als Beispiele solcher Reliktnamen seien nur erwähnt: defla (daphne) für Nerium, das, weil auch Rhododaphne genannt, manchmal mit Laurus, der eigentlichen „daphne“ verwechselt wurde; merisua für Melissa; frasijūn für Marrubium, welchem ursprünglich lateinischen Namen die Römer später das griechische Prasium (nicht zu verw. mit dem botanischen P.) substituierten. Auch in Aegypten nennt man Marrubium „frasijūn“ und beträchtlich erscheint die Zahl der dem Griechischen entlehnten Pflanzennamen, die dem gesamten mediterranen Nordafrika heutigen Tags gemeinschaftlich sind, wie z.B. ba'etherān (von Abrotonon), fleije, fileie (von Polium), kemūn (von Cuminum) usw.
Eine vortreffliche Methode zur Eruierung des ursprünglichen Wurzelskeletts der Vulgärnamen von Pflanzen, die nur dem Analphabeten geläufig sind, hat Professor J. J. Hess[3] befolgt, indem er aus dem innersten Zentralkern von Arabien, aus einem mit dem bezeichnenden Namen „Ssurret-en-Nedschd“ (Nabel des Nedschd) versehenen Orte des Stammes der 'Otēbi, sich einen intelligenten Beduinen namens Muhīq kommen ließ, den er in Cairo während der letzten Jahre fortgesetzt ausgefragt hat. Im Gegensatz zu dem gemeinen Mann im aegyptischen Niltal, der nicht weniger als sechs arabische Konsonanten in der Aussprache entweder gar nicht oder nur sehr undeutlich unterscheidet, bedienen sich die echtarabischen Wüstenbewohner des Landes einer weit genauer artikulierten Mundart. Aber vor allem sind es die im Herzen ihres Stammlandes hausenden Uraraber, die auch als Analphabeten sich im Vollbesitz des ausgesprochenen Alphabets befinden und man braucht nur den individuellen Eigenheiten ihrer Sprechweise Rechnung zu tragen, um jeden Konsonanten deutlich vernehmen und von den übrigen unterscheiden zu können. Da nun ein großer Teil der die Wüstenflora von Aegypten zusammensetzenden Pflanzenarten auch in den Wüsten von Zentralarabien zu Hause ist, vermochte Muhiq unter den Exemplaren, die ihm in Cairo aus verschiedenen Herbarien vorgelegt wurden, viele Arten wiederzuerkennen und zu benennen. Auf diese Weise konnten von etwa zweihundert Arten die in Zentralarabien gebräuchlichen Namen festgestellt und für viele gleichlautende, die bei den auf aegyptischem Gebiet befindlichen Araberstämmen erkundet worden waren, die richtigen Buchstaben eingetragen werden. Die Namenlisten meiner Abteilung I haben diesen sorgfältigen Nachforschungen von Prof. Hess eine große Anzahl von Korrekturen zu verdanken.