Zwischen der milden und der strengen Form des Vuduismus ([Abb. 211]) gibt es viele Übergänge und Abweichungen, die von der auf der betreffenden Insel herrschenden örtlichen Verwaltung abhängig sind (dänische, holländische, französische und amerikanische Regierung). In den alten spanischen Kolonien zum Beispiel hat die römisch-katholische Kirche es verstanden, den Fetischkultus in vernünftigen Grenzen zu halten, und ist nur dann scharf gegen ihn vorgegangen, wenn etwa ein zu kühner Obeahmann sich für einen neuen Gott ausgab und den Versuch machte, sich Anhänger zu gewinnen. Der Vuduismus ist hier die öffentliche Anbetung der grünen Schlange. Diese muß, wie wir es von den Göttern der Heiden schon vielfach erfahren haben, versöhnt werden, damit sie die bösen Geister fernhalte. Aus diesem Grunde werden Opfergaben zu einer Notwendigkeit. Hühner, Ziegen und „Ziegen ohne Hörner“, womit junge Menschenkinder gemeint sind, werden dargebracht. Zur Priesterschaft dieses Kultus in der Form, wie sie auf Haiti herrscht, gehören die Loupgarous oder religiösen Kinderräuber. Das „rollende Kalb“ in der Folklore von Jamaika, vor dem die Mütter ihre Kinder warnen, ist zweifellos eine Erinnerung an das frühere Opfern von Kindern. Man stellt es sich als den körperlosen Kopf eines Kalbes mit großen, rollenden Augen vor, der die Kinder beleckt, wovon sie entweder sterben müssen oder sonst verschwinden. Auf Haiti wird das Blut des Opfertieres den Adepten auf die Gesichter gestrichen und von dem amtierenden Priester getrunken. Bei einem Huhn beißen sie den Kopf ab und saugen das Blut aus dem Halse aus; bei einer Ziege reißen sie das Herz aus. Die Feier spielt sich nachts in den dunklen Tiefen des haitischen Waldes ab, dumpfer Tamtamschlag ertönt, Freudenfeuer brennen düster vor einer Kiste, in der die grüne Schlange, der man bei den Festen huldigt, liegt oder liegen soll. Die Szene wird immer wilder und schauerlicher; die Zuschauer beginnen mit dem Loiloichi oder Bauchtanz, der schließlich in eine regelrechte Orgie schlimmster Art ausartet und bis Tagesgrauen anhält, oder doch wenigstens so lange, bis Männlein und Weiblein trunken vor sinnlicher Erregtheit und Ermattung zu tiefem Schlaf auf die Erde sinken. Das größte dieser nächtlichen Feste soll zu Ostern stattfinden und mehrere Tage dauern. Auch die Fastenzeit gibt zu einem ausgelassenen Karneval Anlaß, der in den großen Städten, wie Port-au-Prince, am hellen Tage gefeiert wird.

Phot. H. H. Johnston.

Abb. 210. Ein Fetischbaum auf Haiti.

Nach dem Glauben der westindischen Neger wohnen die Geister der Verstorbenen in bestimmten Bäumen; um sie zu besänftigen, werden wüste Zeremonien in den Wäldern von Haiti abgehalten. Auf Jamaika wird der Baumwollbaum als Fetisch angesehen, und man bespritzt seine Wurzeln mit Rum, um den Duppy fernzuhalten.

Die Musikfreudigkeit der Negerrasse kommt auch bei der Bevölkerung der westindischen Inseln zum Ausdruck. Kein Fest wird gefeiert, ohne daß die Gitarre, ein wahres Nationalmusikwerkzeug, in ihr Recht tritt. Sie wird von den Negern ganz geschickt gespielt. Geradezu als Musiker ersten Ranges aber erweisen sich die Kreolen Kubas und Puerto Ricos. Die Musik auf diesen Inseln ist voll tiefer Empfindung, bevorzugt die Molltonarten und zeichnet sich durch einen ganz eigentümlichen Rhythmus aus, durch den sie sich leicht von der Musik anderer Länder unterscheidet. Sie ist auch in Spanien sehr volkstümlich geworden, wo das Volk diese Weisen aufnahm und sie mit seinen eigenen Volksliedern verschmolz. Die Tanzmusik der „Inseln“ hat sich fast über die ganze Welt verbreitet, und der Tango mit seinen eigenartigen Hüft- und Bauchbewegungen stammt aller Wahrscheinlichkeit nach von Kuba oder Puerto Rico; über Argentinien, wo er nach der Eigenart der Bewohner abgeändert wurde, hat er dann seinen Weg auch nach Europa genommen und hier seine bekannten Auswüchse erfahren.

Phot. H. H. Johnston.

Abb. 211. Tom-toms oder Vudutrommeln,

die bei den heidnischen Fetischtänzen in Westindien gebraucht werden.