Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 259. Geweihte Quelle zu Tissington,

ein Überrest des altheidnischen Quellenkultus.

Das Weihnachtsfest hängt, wie wir soeben sahen, eng mit dem Kultus der Sonne und der Lichtgottheit zusammen. Die christlichen Lehrer verlegten bereits um die Mitte des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung auf den 25. Dezember, also den Zeitpunkt der heidnischen Feier der Wintersonnenwende, die Geburt des Heilandes. Im siebenten bis achten Jahrhundert fand diese Feier in Deutschland Aufnahme, wo man von jeher schon das Julfest beging. Wie der altheidnische Glaube es mit sich brachte, spähte man um diese Jahreszeit von hohen Bergen nach dem Wiederaufkommen der Sonne aus und begrüßte die Nachricht von ihrem Erscheinen mit größtem Jubel und festlichen Gelagen.

Das Hauptstück der ältesten christlichen Weihnachtsfeier machte die Weihnachtskrippe aus, eine Art Dramatisierung der Ereignisse bei der Geburt des Jesusknäbleins und vielfach auch geradezu die dramatische Vorführung dieses Vorgangs. Der strahlende Weihnachtsbaum ([Abb. 291]) ist erst verhältnismäßig spät in Erscheinung getreten — man sagt, vor etwa drei Jahrhunderten — hat sich aber heutigestags so ziemlich die ganze Kulturwelt erobert. Wenigstens ist er zu einem unbedingten Erfordernis der deutschen Weihnachtsfeier geworden; vor allem dort, wo es Kinder gibt, ist eine Feier ohne Baum nicht denkbar. Wo Mangel an Tannen oder verwandten Bäumen bestand, wurde der Weihnachtsbaum früher vielfach durch eine hölzerne, gleichfalls mit Lichtern besteckte Pyramide ([Abb. 292]) ersetzt, eine Sitte, die sich in manchen Gegenden bis in die Gegenwart herein erhalten hat. Daß gerade die Tanne oder ein ihr verwandtes Nadelgewächs im Lichterglanz des Heiligen Abends erstrahlt, mag wohl damit zusammenhängen, daß dieser Baum in den Augen des Volkes das schlummernde Leben in der Natur versinnbildlicht, denn er behält trotz des nordischen Winters mitten im Schnee allein von allen Bäumen des Waldes sein frisches Grün. Unter den strahlenden Weihnachtsbaum kommen bekanntlich allerlei Geschenke zu liegen; in den skandinavischen Ländern und auch vielfach in Norddeutschland pflegt man diese in zahlreiche, oft genug scherzhafte Umhüllungen mit besonderen Aufschriften einwickeln und durch vermummte Personen mit dem Rufe „Julklapp“ zur Tür hineinwerfen zu lassen.

Phot. R. Welch.

Abb 260. Ein Denkmal aus heidnischer Zeit,

an das sich ein christlicher Brauch knüpft. Um Glück in der Ehe zu haben, berühren Eheleute das Loch in der Säule.

In England feiert man das Weihnachtsfest nicht nach deutscher Art als ein Familienfest mit Tannenbaum und Geschenken, sondern begibt sich aufs Land und begeht das Fest hier möglichst in freier Luft. Man widmet sich allem möglichen Sport. Der zweite Weihnachtsfeiertag heißt daher im besonderen der Boxing day. An ihm wandert die Bevölkerung von London nach Hampstead Heath und belustigt sich mit Wettlaufen, Eselreiten, Boxen und Werfen nach Kokosnüssen, die auf kurzen in den Boden eingerammten Pfählen reihenweise dastehen, frönt auch reichlichem Wirtshausbesuch und ist in jeder Weise lustig. Der Weihnachtsabend ist kein Feiertag wie bei uns. Früher waren an ihm noch mancherlei Gebräuche im Schwange, die an das altheidnische Fest erinnerten. In vergangenen Jahrhunderten pflegten die Leute auf den Landsitzen der Adligen einen mächtigen Kloben Buchenholz zur Halle hereinzuziehen, anzuzünden und in allerlei Vermummung um das Feuer zu tanzen, während die Herrschaft und ihre Gäste dem lustigen Treiben zuschauten, auch sich gelegentlich selbst an ihm beteiligten. Als letzter Überrest dieses alten Brauchs ist allein noch die Sitte übriggeblieben, am Abend vor Weihnachten anstatt der alltäglichen Steinkohle einen Kloben Buchenholz (den Julblock) in die Glut des Kamins zu schieben, um den sich die ganze Familie setzt. Dieser Klotz muß jetzt die Form eines Kreuzes als Erinnerung an das Kreuz Christi haben. Den ersten Weihnachtstag begeht man in lustiger Gesellschaft bei einem leckeren Mahle. An der Mitte der Zimmerdecke fehlt wohl in keiner englischen Familie der Mistelzweig, jene zierliche, mattgrüne, auf den Bäumen schmarotzende Pflanze mit ihren perlgrauen, runden Beeren. Wer unter ihm steht, der hat das altverbriefte Recht, jedes weibliche Wesen, das sich absichtlich oder zufällig an derselben Stelle einfindet, zu küssen. In der Kirche jedoch ist die heidnische Mistel verpönt; an ihre Stelle ist hier die Stechpalme mit ihren brennendroten Früchten, auch wohl der Efeu oder das Immergrün getreten.