Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 293. Das Fest des heiligen Nikolaus in Utrecht.

Der Nikolaus oder Klaus sitzt zu Pferde und führt in der Satteltasche allerhand Spielzeug mit, das er des Nachts den Kindern bringt. Sein Knappe Piet hat neben Rute und Sack für unartige Kinder Süßigkeiten bei sich, die er an die Straßenjugend verteilt.

Bevor wir weitergehen, wollen wir noch kurz der volkstümlichen Gebräuche gedenken, die an den drei Festtagen der Karwoche, am Palmsonntag, am Gründonnerstag und am Karfreitag, geübt werden. In katholischen Gegenden Österreichs und Süddeutschlands pflegt man die jungen Triebe der Birken, Weiden, Haselnußbüsche und anderer Sträucher am Sonntag vor Ostern auf feierliche Weise vom Priester einsegnen zu lassen; sie werden dann entweder an die Gläubigen verteilt oder gegen ein paar Pfennige Gotteslohn verkauft. Denn diesen geweihten Zweigen, den sogenannten Palmen — in der Schweiz haben solche Palmen die Gestalt hoher Bäume angenommen ([Abb. 314]) — wohnt eine geheimnisvolle Macht inne. Die Wohnräume, die man mit ihnen schmückt, bleiben von Unheil verschont; man erreicht dasselbe auch, wenn man diese Kätzchen, wie sie auch heißen, auf glühende Kohlen des Herdes wirft. In der Umgebung Prags schlägt man die Knaben und Mädchen mit den Palmbüscheln, damit sie in der Schule nicht faul werden. In ähnlicher Weise schlagen die badischen Bauern ihr Vieh in der Form eines Kreuzes auf den Rücken, damit es gesund bleibe und reichlich Milch gebe. — Eine ganz eigenartige Sitte ist der Tallsackenmarkt, der am Palmsonntag in Warmbrunn in Schlesien abgehalten wird. Was diesem Jahrmarkt zu seinem Namen und zu seiner Beliebtheit bei alt und jung verholfen hat, das sind die Tallsäcke, die in Unmasse zum Verkauf gestellten, aus Semmelteig angefertigten menschlichen Figuren beiderlei Geschlechts. Die gangbarsten dieser verschiedenen Gebilde haben Augen aus Korinthen und drücken mit den nudelförmigen Armen ein buntgefärbtes Ei an die Brust. Damit der Käufer auch wisse, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Tallsack handelt, bringt man im Gesicht des ersteren als Andeutung des Bartes kleine Teigröhrchen an.

Phot. Carl Seebald, Wien.

Abb. 294.
Krampusverkäufer auf den Straßen Wiens.

Der Gründonnerstag hat seinen Namen wahrscheinlich von der heidnischen Sitte erhalten, um diese Zeit die Erstlinge der Felder, die ersten grünen Gemüse, den Göttern zu opfern; diese Sitte kehrt in dem christlichen Brauch wieder, am Gründonnerstag entweder gänzlich zu fasten, was wohl mit dem Genuß des heiligen Abendmahls zusammenhängt, oder doch sich auf den Genuß grünen Gemüses zu beschränken. Daher schreibt die Volksitte noch jetzt vor, an diesem Tage Blumenkohl, Rapunzeln, Spinat, Schnittlauch, Sprossenkohl, Brennesseln, Taubnesseln, Kerbel, Scharbockskraut, Pimpernelle, Malven und andere Frühlingsgewächse zu verspeisen. Sie werden entweder als einziges Gericht (Salat) oder mit Teig verbacken genossen; in Böhmen sind dies die sogenannten Spinatkrapfen, in Schwaben die Laubfrösche oder Maultaschen. Von sonstigen Gründonnerstagspeisen erfreut sich noch großer Beliebtheit der Honig. Man nimmt an, daß dieser bei den Opfern, die man dem Thor darbrachte, eine große Rolle spielte. Daher schreibt man dem Genuß des Honigs zur Osterzeit, der besonders am Gründonnerstag auf keinem Tische fehlen darf, besondere Heilkräfte zu. Ein Honigbrot, das man an diesem Tage nüchtern verzehrt, soll vor dem Biß toller Hunde und giftiger Schlangen schützen. In Böhmen werfen die Knechte, nachdem sie sich am Ostermorgen durch Waschen in fließendem Wasser gereinigt haben, einen mit Honig bestrichenen Brotbissen in den Brunnen, um das Wasser vor Ungeziefer zu bewahren, oder spritzen zu demselben Zweck mit einer Rute Honig im Zimmer umher; auch legen sie mit Honig bestrichene Brotscheiben in die junge Saat oder binden vor Sonnenaufgang durch Honig gezogene Fäden um die Obstbäume, um deren Fruchtbarkeit zu steigern.

Eine in katholischen Fürstenhäusern übliche Zeremonie des Gründonnerstages ist die Fußwaschung, wie sie unter anderem an dem Kaiserhofe zu Wien in Anwesenheit des ganzen Hofstaates, der Minister und Diplomaten am Vormittag dieses Tages in der Hofburg an zwölf Greisen vom Kaiser selbst unter großer Feierlichkeit vorgenommen wird. An die Waschung schließt sich die Speisung von zwölf Armen an. Auch bei den Mennoniten und den Mitgliedern der Brüdergemeinde ist die Fußwaschung üblich. In dem protestantischen England begnügt man sich bei Hofe damit, Speisen an Arme zu verteilen, und zwar an so viel Personen, als der König und die Königin zusammen Jahre zählen. Die Speisen werden für jeden Armen, der damit bedacht werden soll, sorgfältig in einen Korb verpackt, weswegen der Gründonnerstag in England auch den Namen Korbdonnerstag führt. Etwas Ähnliches hat sich in Antwerpen erhalten. Hier werden im St.-Julien-Hospiz an diesem Tage zwölf Armen, die indessen sich schon an einer Pilgerfahrt beteiligt haben müssen, an einer Tafel die auserlesensten Gerichte und Getränke vorgesetzt. — Daß in christlichen Ländern am Abend des Gründonnerstags das Abendmahl zur Erinnerung an seine Einsetzung durch Christus mit besonderer Feierlichkeit von den Gläubigen genommen wird, verdient ebenfalls hervorgehoben zu werden.