Nach einem Gemälde von Wilhelm Voigt.
An den letzten Abschnitt des menschlichen Lebens, den Tod, knüpfen sich bei den Kulturvölkern wohl noch die meisten abergläubischen Vorstellungen. Die geheimnisvollen Mittel und Wege, den Schleier der Zukunft zu lüften und zu erfahren, ob etwa einem ein baldiges Lebensende bevorstehe, sind ziemlich zahlreich. Das Volk läßt manche Menschen mit der besonderen Gabe des „zweiten Gesichts“ ausgestattet sein, das heißt mit der Fähigkeit, im Geiste vorauszusehen, wer demnächst im Sarge liegen oder aus welchem Hause ein Leichenzug sich in Bewegung setzen werde. Es nennt solche Leute „Totenkieker“ oder „Schichtige“. Aber nicht nur sie vermögen den Tod vorauszuschauen, sondern auch jeder andere ist zu bestimmten geheimnisvollen Tagen und Stunden des Jahres dazu in der Lage; wie schon gezeigt wurde, sind solche Tage der Johannistag, der Sankt-Thomas-Abend, der Silvesterabend und andere. Der Volksglaube kennt auch noch zahlreiche andere Anzeichen eines bevorstehenden Todesfalls in manchen Erscheinungen der Tier- und Pflanzenwelt sowie des täglichen Lebens. Ein zu nächtlicher Stunde mit gesenktem Kopf bellender oder viele Löcher in die Erde scharrender Hund, ein an einem Hause nur mit großen Schwierigkeiten vorbeizubringendes Pferd, die Begegnung mit einem Schimmel bei Antritt einer Reise, das Entstehen von Maulwurfshaufen in der Diele des Hauses, das Komm-mit-Rufen des Käuzchens (oder Totenvogels), das ängstliche Flattern einer Schar Raben um ein Haus, das Hinauswerfen toter Jungen aus dem Nest von Störchen oder Hausschwalben, das Ticken oder „Dengeln“ des Holzkäfers (oder der Totenuhr) im Gebälk, das Erscheinen weißer Blätter und Stengel an Pflanzen des Gemüsegartens oder des Ackers, das plötzliche Eingehen von Obstbäumen, das Aufblühen einer einsamen Rose im Spätherbst, ein Strohhalm auf einem Hühnerschwanz (Hebriden), auffällige Geräusche unbekannten Ursprungs im Hause, wie Klopfen, Hämmern, Knallen und so weiter, das grundlose Stillstehen der Uhr, das Herabfallen von Wandbildern, das Selbstaufgehen von Türen und manches Ähnliche wird als eine Todesbotschaft für die Hausbewohner oder die Familienmitglieder angesehen.
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 351. Szene von einer Hochzeit im Harz.
Auf dem Schornstein des Hauses der Braut ist ein Sägbock aufgestellt, den der Bräutigam vor der Trauung herunterholen muß. Nach der Rückkehr aus der Kirche muß das Paar auf dem Bock Holz sägen (siehe nächstes Bild).
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 352. Szene von einer Hochzeit im Harz.
Nach der Trauung muß das junge Paar einen Kloben Holz auf einem Bock zersägen. Aus dem Grade der Geschicklichkeit, mit der es diese Arbeit vollführt, zieht man Schlüsse auf günstigen oder ungünstigen Verlauf der Ehe.