Abb. 396. Allerseelenfeier in der Bretagne.
In Italien zeichnet sich das Liebesleben noch heute wie schon einst im alten Rom (siehe die [Kunstbeilage]) durch große Leidenschaftlichkeit aus. Die Werbung wird entweder von dem Jüngling persönlich vorgebracht oder der Vater tut dies für ihn. In der Regel müssen daraufhin die jungen Leute sich erst einige Zeit lang näher kennen lernen, ehe die Verlobung gefeiert wird, um zu erfahren, ob sie zueinander passen. Der Bräutigam pflegt seine Auserwählte mit allerlei Schmucksachen, Süßigkeiten und anderen Gegenständen zu beschenken. Eine Schere darf aber nie darunter sein, weil darin eine Anspielung auf eine scharfe Zunge erblickt werden könnte (nicht, wie bei uns, eine Hindeutung auf das „zerschnittene Tischtuch“ = Abbruch der Beziehungen), ebensowenig ein Kamm, weil Kämme gern von Hexen benutzt werden. In Toskana verlangt der gute Ruf des Mädchens, daß es niemals vor der Hochzeit das Haus des Bräutigams betritt, nicht einmal in dessen Nähe kommt und auf seinen Spaziergängen sogar einen Umweg um dasselbe macht. In Venedig ist es kostspielig, die Rolle des Brautführers zu übernehmen, und nur ein wohlhabender Bursche kann sich diese Ehre leisten. Er muß nämlich bereits am Tage vor der Hochzeit der Braut eine Schachtel mit Süßigkeiten senden, auf deren Deckel ein Wickelkind in Zucker angebracht ist, dazu zwei Blumensträuße, einen natürlichen und einen künstlichen, und Schmucksachen (Brosche oder Ohrringe). Am Hochzeitstage muß er für die Getränke beim Mahle sorgen, vier Kerzen für die Hochzeitsmesse anschaffen, vier Gondeln mieten, auf denen die Teilnehmer zum Gasthause gefahren werden, schließlich unter die Kinder und Bettler, die beim Austritt aus der Kirche Hochrufe auf die Neuvermählten ausbringen, Münzen verteilen; seine eine Hand ist beständig in der Tasche.
Phot. J. Brocherel.
Abb. 397. Vom Fest der heiligen Rosalia,
der Schutzpatronin Palermos. Das Standbild der Heiligen wird auf einem mächtigen Wagen durch die Straßen der Stadt gezogen.
In den verschiedensten Gegenden Italiens wird der Brautzug von den jungen Burschen des Dorfes aufgehalten, meistens durch ein Band, das die Braut mit einer Schere durchschneiden muß, oft aber auch durch einen ordentlichen Verhau, den die das Paar begleitenden jungen Leute dann wegräumen müssen. Das Brautpaar zahlt den es aufhaltenden Jünglingen ein Sühnegeld, wofür diese es manchmal auch freihalten. — In Sardinien wird der Bräutigam, wenn er zur Verlobungsfeier eintrifft, in ein Zimmer geführt, wo möglichst viele Mädchen in einer Reihe nebeneinander sitzen, alle schweigsam und gemessen, ohne seinen Gruß zu erwidern. Der Brautvater führt ihn von einer der Schönen zur anderen und fragt ihn vor jeder: „Ist das etwa Euer Schaf?“ — der für den jungen Mann werbende Vater hat nämlich vorher erklärt, er suche das schönste und beste Schäfchen, das ihm aus der Herde verloren gegangen sei —, bis man zu der richtigen kommt und der Bewerber hier schließlich die Antwort gibt: „Ja, das ist es.“ In einigen Teilen der Insel gießt die Schwiegermutter ein Glas Wasser vor dem jungen Paar aus, wenn es die Schwelle der Hochzeitskammer überschreitet; offenbar soll damit ein Hindernis für böse Geister geschaffen werden, die in der Nacht die jungen Leute stören könnten.
Die Begräbnisgebräuche der südeuropäischen Völker weichen von denen der nordeuropäischen Länder wenig ab; im allgemeinen pflegt aber mehr Pomp entfaltet zu werden als bei uns; besonders in ländlichen Gegenden sind die Begräbnisse in dieser Hinsicht anziehend und malerisch. Die Kränze und Kreuze, die man den Toten aufs Grab legt, werden in Frankreich mit Vorliebe aus galvanisiertem Draht hergestellt, schwarz, weiß oder malvenfarbig angestrichen und mit Blumen aus gleichfalls angemaltem Blech oder mit Perlen geschmückt ([Abb. 396]). Eine besondere Eigentümlichkeit in französischen Gegenden ist die Sitte, in dem Grabstein eine kleine Vertiefung ausmeißeln, darin das Bild des Verstorbenen in verschiedener Ausführung, manchmal sogar in feinster Miniaturmalerei auf Elfenbein, anbringen und das Ganze mit einem Glasdeckel überdecken zu lassen. Schließlich sei noch auf den in Frankreich herrschenden Brauch hingewiesen, die Grabstätten nicht für lange Zeiten an die Angehörigen zu verkaufen, wie dies bei uns der Fall ist, sondern sie für ganz kurze Fristen nur zu verpachten. Wenn dann die Pacht abgelaufen ist, werden die Leichen ausgegraben und die Stätte von neuem verpachtet, damit andere auf ihr beerdigt werden können. Oft pflegt man nach solcher Ausgrabung die Särge mit den Gebeinen in einer Ecke des Friedhofes aufzuhäufen; vielfach aber schichtet man auch Schädel und Gebeine in sogenannten Beinhäusern zu vielen Tausenden übereinander, zündet vor ihnen heilige Kerzen an und läßt Seelenmessen abhalten.
Phot. J. Brocherel.