Phot. J. K. Inha.

Abb. 457. Ein finnischer Hochzeitsbrauch.

Die Braut wird von ihren Freundinnen in das Badehaus geleitet, wo sie ein Lied „weinen“.

Am Vormittag des darauf folgenden Hochzeitstages versammeln sich allerhand Leute, alte wie junge, vor dem Hochzeitshause und vertreiben sich die Zeit mit Spielen ([Abb. 468]). Die Braut ([Abb. 466]) geht mit den Weinenden unter ihnen umher und bittet sich Geschenke aus. Hat sie es auf eine bestimmte Person abgesehen, bei der es sich verlohnt, ein Geschenk zu erbitten, dann legt das Mädchen die Arme um deren Hals und weint so lange, bis sie eine Gabe herausgerückt hat, worauf die Braut dann wieder noch den Dank zu „weinen“ hat. Nach einiger Zeit wird durch Flintenschüsse die Ankunft des Gefolges des Bräutigams angekündet, das bei dem Katshotus, das ist dem ersten feierlichen Erscheinen der Braut vor den Angehörigen ihres Zukünftigen zugegen sein will. Zunächst läßt man sich an dem langen Familientisch, der in den finnischen Häusern unter dem mittleren Fenster, der Eingangstür gegenüber, zu stehen pflegt und als Ehrenplatz gilt, und an weiteren, kleineren Tischen nieder. Der Patvaska oder Zeremonienmeister streut Salz unter das Tischzeug, nimmt ein Brot, das vom Hause des Bräutigams mitgebracht wurde, und ein zweites aus dem Hause der Braut, schneidet aus der Mitte beider je ein rundes Stück heraus, tut Salz in die so entstandenen Löcher, paßt die herausgeschnittenen Stücke wieder hinein und legt die Brote auf die Familientafel. Die Klagemädchen weinen so lange, bis der Pate oder Bruder hinausgeht, um die Braut fertig zu machen. Über die gewöhnlichen Alltagskleider wird ihr das beste Zeug angezogen, das sich die Mädchen unter Klagen und Weinen ausbitten. Der Pate oder Bruder reicht das Hemd und hält es der Braut über den Kopf, wie wenn er es ihr anziehen wollte. Zweimal stößt diese es von sich, beim dritten Male aber zieht sie es an. Während des ganzen Vorgangs wird ununterbrochen geweint. Beim Anlegen des Unterrockes und des Rockes wiederholen sich dieselben Umständlichkeiten. Bevor man sich in die Kirche begibt, nimmt der Zeremonienmeister in der Frauenecke noch gewisse Maßnahmen vor, um das Paar vor Zauberei zu schützen ([Abb. 462]). Sodann wird die Braut in die Frauenecke geleitet; fünf Frauen lösen ihr auf dem Wege dorthin den Haarknoten auf ([Abb. 471]). Sind sie zur Ecke gekommen, dann zieht die Hebamme einen Vorhang vor, zieht ihn aber wieder zurück, nachdem ihr der Zeremonienmeister einige Kopeken gegeben hat; nun erblickt der Bräutigam seine Braut. Nachdem das Paar herumgegangen ist, zündet der Zeremonienmeister drei Stückchen Feuerschwamm an, von denen Braut und Bräutigam je ein Stück hinunterschlucken müssen; das dritte wird unter eine Bratpfanne gelegt, die sich auf der Erde befindet. Während sich nun die Gäste in die Kirche begeben, bleibt der Zeremonienmeister als Vertreter der alten heidnischen Gebräuche der christlichen Feier fern. Ehe die Braut das elterliche Haus verläßt, wird über sie ein Heiligenbild mit einem Tuche gehalten ([Abb. 467]). — Vor der Kirche überreicht der Bräutigam seiner Braut das Kopftuch, an dem er sie hineinführt. Auf dem Rückwege fordert er seine nunmehrige junge Frau sowie die Gäste auf, in sein Haus oder, falls er von auswärts sein sollte, in ein ihm zu diesem Zweck von Verwandten zur Verfügung gestelltes zu kommen und weiter zu feiern.

Die Feier besteht in der Hauptsache in Branntweintrinken. Dabei schüttet das junge Paar zu drei Malen Branntwein kreuzweise unter den Tisch, um den Schutzgeist des neuen Hauses gut zu stimmen. Mann und Frau müssen die dazu benutzten Becher möglichst nahe aneinander auf den Tisch stellen, damit kein Streit oder Unfriede einkehre. Nachdem man reichlich dem Branntwein zugesprochen hat, beginnt das Verteilen der Geschenke.

Phot. J. K. Inha.

Abb. 458. Finnischer Wahrsager.

Auf ein Sieb werden kleine Stückchen Brot und Kohle geworfen. Wenn sich das darüber in Schwingung gebrachte Pendel zwischen den Brotstückchen bewegt, geht der Wunsch des das Orakel Befragenden in Erfüllung, dagegen nicht, wenn das Pendel über der Kohle schwingt.

Wenn die Abschiedstunde für die junge Frau naht, wird ihr das Stirnband, das Zeichen der Mädchenschaft, abgenommen und hierauf ein Kasten, der voll Sachen sein muß, in die Frauenecke gebracht. Die junge Frau setzt sich auf ihn, nachdem ein Verwandter sie dreimal um den Kasten geführt hat. Jetzt bemächtigen sich ihrer zwei alte Frauen, kämmen ihr das zuletzt lose herabhängende Haar und flechten es in zwei Zöpfe anstatt des bisherigen einen, den die Mädchen tragen. Der Zeremonienmeister übergibt ihr ein großes Tuch, mit dem sie vollständig verhüllt wird, so daß sie selbst nichts sieht und auch von niemand erblickt werden kann. Nur ein schöner kleiner Knabe zu ihren Füßen darf unter das Tuch sehen; man will sie dadurch an ihren zukünftigen Beruf als Mutter erinnern. Beim Zurechtmachen der jungen Frau singen zwei oder drei alte Frauen das Lied vom Anlegen des Kopfschmuckes. Das Gefolge des Mannes muß die Frauenecke verlassen, darf aber nur gegen Erlegung von Geld hinaus, das eine Freundin der Jungvermählten einsammelt. Nachdem dies geschehen ist, stellen sich die jungen Leute in einer Reihe auf dem Hofe auf und warten auf die junge Frau, die bald darauf von ihrem Paten hinausgeleitet wird. Sie ist noch immer mit dem Schleiertuch bekleidet und wird so vor ihren Gatten geführt, vor dem sie sich dreimal tief verbeugt. Dann übergibt der Pate sie dem Gatten mit einer kurzen Ansprache, in der er beiden Ratschläge erteilt. Unter anderem sagt er zu dem jungen Ehemann: „Gehorcht sie dir nicht, dann nimm einen Strohhalm und schlag sie damit; wenn sie dir dann noch nicht gehorcht, so nimm ein Birkenreis und tu das gleiche; gehorcht sie dir aber auch dann noch nicht, so nimm eine härtere Waffe, auch wohl eine Zuberstange, und schlag sie. Hüte dich aber davor, ihr dabei das Leben auszublasen, denn wir besitzen eine ausgedehnte Bekanntschaft, die bereit ist, die Pflicht der Blutrache zu übernehmen.“ Darauf geht der Mann dreimal um seine junge Frau herum und sieht unter die Verhüllung, um sich zu überzeugen, ob sie es auch in Wirklichkeit ist.