Die ganze erste Nacht wird durchgefeiert; der Zeremonienmeister muß sorgfältig achtgeben, daß nichts Ungesetzliches vorkommt. Deshalb folgt er selbst dem jungen Paar in sein Schlafgemach. Die junge Frau schläft diese Nacht vollständig angekleidet. — Die Mutter drückt, wenn die junge Frau das elterliche Haus verläßt, ihren Schmerz darüber durch Weinen aus ([Abb. 472]).

Diese umständlichen Hochzeitsgebräuche, zu denen noch verschiedene hier übergangene weitere Einzelheiten gehören, werden von den Kareliern streng beobachtet. Es kommt vor, daß, wenngleich der Priester das Paar kirchlich getraut hat, dieses sich nicht eher als verheiratet betrachtet, als bis es alle überlieferten Vorschriften erfüllt hat. Nicht jeder kann sich aber wegen der Kostspieligkeit der Zeremonien ihnen allen unterziehen. Daher gibt es auch ein abgekürztes Verfahren, das anscheinend noch ein Ausläufer der früheren Raubehe ist. Der Freier tritt vor das Mädchen, das ihm als Gattin zusagt, verbeugt sich und bietet ihr den Zipfel eines Kopftuches an. Lehnt sie es dreimal ab, dann will sie dem Manne damit kundgeben, daß er ihr nicht gefalle; nimmt sie es aber an, dann erklärt sie ihr Einverständnis. Darauf bedarf es keiner weiteren Förmlichkeiten, als daß irgendeine Frau das Haar des Mädchens in zwei Zöpfe flicht und ihm einen Hut auf den Kopf setzt; damit ist es zur jungen Frau gemacht.

Abb. 459. Pelotespieler

mit der Chistera, einem eigenartigen Wurfwerkzeug, in der Rechten.

Zum Schluß noch einige Einzelheiten über die Hochzeit der Esten. Während der Hochzeitszug sich in die Kirche begibt, müssen der Bräutigam und die Brautführer dicht neben dem Wagen der Braut reiten und mindestens einer von ihnen ein Schwert tragen, mit dem er unterwegs des öfteren Lufthiebe austeilt, um die bösen Geister zu vertreiben. Wenn das junge Paar am Abend der Hochzeit sein Lager aufsucht, nimmt der Vater der jungen Frau ihr mit dem Schwerte den Schleier ab und steckt das Schwert sodann in die Decke des Zimmers, gleichfalls zum Schutze gegen böse Geister. Bei einzelnen Stämmen wird die Braut, sobald die Gäste erscheinen, in eine Kammer versteckt, wo man sie mit zwei anderen Mädchen unter einer Decke verhüllt warten läßt, bis die Gäste sie gefunden haben; der Brautführer muß dann aus den drei verborgen gehaltenen Mädchen die Braut herausfinden und in die Stube führen. In einzelnen Gegenden versteckt man auch an Stelle der Braut drei ihrer Brüder oder drei junge Burschen in Weiberkleidung. Die von dem Brautführer aus ihnen herausgesuchte vermeintliche Braut wird unter Jubel in die Feststube geführt, wenn man aber den Irrtum eingesehen hat, sogleich wieder hinausgejagt. Hierbei scheint es sich ebenfalls um eine Abwehrmaßnahme zu handeln: die falsche Braut soll das Unglück auf sich nehmen, indem man hofft, die Geister durch sie über die Person der wahren Braut zu täuschen.

An die Schwangerschaft und an das neugeborene Kind knüpfen sich ebenfalls mancherlei abergläubische Vorstellungen, die die Abwehr böser Geister bezwecken. So muß die Schwangere, um ein paar Beispiele anzuführen, bei langsam fortschreitender Geburt dreimal Salz hinter sich werfen; wenn sie das Neugeborene in die Wiege legt, muß sie einen Kreuzschlüssel, ein Messer und etwas rotes Garn mit hineintun, und so weiter.

Abb. 460. Pelotespieler vor dem Fronton von Sare.

Über die Totengebräuche nur wenige Worte. Wenn bei den Permiern der Tod eingetreten ist, dann werden die Verwandten oder auch Fremde eingeladen, um die Leiche zu waschen und den Sarg anzufertigen. Bevor man mit dem Waschen beginnt, sagt der damit Beauftragte zu dem Toten: „Ärgere dich nicht; ich will dich waschen.“ In ähnlicher Weise entschuldigt man sich bei ihm, wenn der Sarg hereingebracht wird. Im allgemeinen schafft man die Leiche möglichst bald aus dem Hause nach dem Friedhof, und zwar geschieht dies im Trab auf einem Schlitten. Auf den Sarg wird ein Laib Brot gelegt, den man dem ersten besten, der dem Zuge begegnet, zuwirft, anscheinend der letzte Rest eines Totenopfers. Beim Hinablassen des Sarges wird der Deckel hochgehoben, damit der Verstorbene zum letzten Mal die Welt betrachten könne. Vielfach bleibt der Schlitten, der den Toten hinausbrachte, über dessen Grabhügel liegen, in welchem Falle ein Friedhof durch die vielen Schlittenüberreste einen ganz merkwürdigen Anblick bietet; auch die Werkzeuge, die beim Auswerfen des Grabes benutzt wurden, werden zurückgelassen.