Von besonderen Begräbnisgebräuchen ist folgendes zu erwähnen. Kinder, die noch nicht der ersten Kommunion teilhaftig geworden waren, werden in offenem, weißem Sarge zum Friedhof gebracht, während Erwachsene in einem schwarzen, alte Jungfern in einem ebenfalls schwarzen, aber mit weißen Schleifen geschmückten Sarge beigesetzt werden. Alten Leuten wird ein geweihtes Hemd angezogen, das man im nächsten Kloster kauft. Wer gestorben ist, ohne gebeichtet zu haben, findet im Grabe keine Ruhe, sondern muß umgehen. Doch kann auch ein solcher noch den Eingang ins Himmelreich finden, wenn der unmittelbar vor ihm im Dorfe Verstorbene ein kleines Mädchen gewesen ist.

Aus: Buschan, Illustrierte Völkerkunde.

Abb. 465. Baske aus Guipuzcoa.

Die Zigeuner. Das „fahrende Volk“ der Zigeuner ist von einer gewissen Romantik umwoben. Bis vor etwa fünfzig Jahren wußte man nicht einmal, von wo sie herstammten. Bei ihrem ersten Erscheinen in Deutschland verbreiteten sie selbst die Fabel, daß ihre Vorfahren in Ägypten gesessen und die Eltern Christi auf ihrer Flucht dorthin nicht aufgenommen hätten, weswegen Gott sie verflucht und zu beständiger Wanderung, wie den Ewigen Juden, verdammt habe. Daraufhin galt als Heimat der Zigeuner bis etwa in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein allgemein das Pharaonenland; die englische (Gipsy), spanische (Gitano), ungarische (Pharaonenvolk) und ähnliche Bezeichnungen für sie gaben dieser vermeintlichen ägyptischen Herkunft auch Ausdruck. Die neueren Forschungen indessen, im besonderen solche sprachlicher Natur, haben zweifellos festgestellt, daß als Urheimat der Zigeuner Vorderindien anzusehen ist, wo in den Sümpfen des Indus und des Pendschab ihre Verwandten noch heute unter dem Namen Dschab hausen. Als deren und ihre gemeinsame Vorfahren bezeichnet die Wissenschaft die Zott. Die Körperbeschaffenheit der Zigeuner, die dem europäischen Typus, vor allem demjenigen der südländischen Bevölkerung sehr ähnelt, spricht dafür, daß die Zott den Indern, das heißt den Nachkommen europäischer Einwanderer (vermischt mit einheimischen Elementen) verwandt gewesen sein müssen. Der Zeitpunkt, wann die indischen Zott sich von ihren Stammesgenossen trennten und auf die Wanderschaft begaben, ist nicht mehr genau festzustellen. Nur das eine ist geschichtlich belegt, daß im fünften Jahrhundert nach Christus eine größere Anzahl Zott, etwa zwölftausend, auf Veranlassung des persischen Herrschers Bahram Gur aus Indien nach Persien kamen, damit sie die Einwohner dieses Landes im Lautenspiel unterrichteten. Demnach scheinen die Zigeuner bereits damals eine große Vorliebe für Musik gehabt zu haben, wie dies noch jetzt für sie zutrifft. Der persische Dichter Firdusi (um 1000 nach Christus) nennt diese Einwanderer Luri, und noch heute bezeichnet man die Zigeuner in Persien so.

Phot. J. K. Inha.

Abb. 466. Eine finnische Braut

wird am Hochzeitsmorgen von ihren Freundinnen unter beiderseitigem Weinen begrüßt.

Von Persien aus überschwemmten die Zott zunächst die Ebene des Euphrat und Tigris, Armenien, wie überhaupt Kleinasien; hier blieben sie anscheinend längere Zeit ansässig. Darauf teilten sie sich. Die eine Gruppe setzte um die Mitte des neunten Jahrhunderts nach Europa über, wo sie zunächst auf der Balkanhalbinsel festen Fuß faßte, der Zug der anderen Gruppe richtete sich über Syrien nach Ägypten und Nubien bis nach dem Sudan und dem übrigen Nordafrika. Auf dem Balkan erfolgte wiederum eine Zweiteilung: ein Zug ging längs der Donau nach Ungarn, Böhmen, Polen, Finnland. Skandinavien, Deutschland und Spanien, ein anderer von Serbien aus über Slawonien nach Italien und Frankreich. Nicht einmal an den Grenzen Europas machten die Zigeuner halt, denn sie sind auch über das große Wasser nach Amerika gezogen. — In Deutschland tauchten sie im fünfzehnten Jahrhundert zum erstenmal auf.