Der Zigeunertypus ähnelt im allgemeinen dem des Südeuropäers. Mittelgroßer, schlanker Wuchs, meist länglicher Schädel, gerade Nase, breites bis ovales Gesicht, gelbbraune Hautfarbe, schlichtes, schwarzes Haar, reichlicher Bartwuchs von derselben Farbe und braune Augen ([Abb. 469] und [474]) kennzeichnen ihn. Unter den Frauen finden sich häufig wirkliche Schönheiten ([Abb. 464] und [477]).
In ihrer Tracht ([Abb. 469] und [475]), Ernährung und Religion schließen sich die Zigeuner im allgemeinen dem Volke an, unter dem sie als Schmarotzer leben. Teils sind sie ansässig, manchmal auch zwangsweise angesiedelt worden (wie auf dem Balkan und in Ungarn); sie wohnen dann in halb unterirdischen Lehmhütten dicht bei den Städten und Dörfern, seltener in eigenen Ortschaften. Teils führen sie ein Nomadenleben, sind auf beständiger Wanderschaft begriffen und hausen dann in Leinwandzelten oder auf ihren Wagen ([Abb. 463]). Ihre Gesellschaftsordnung ist eine patriarchalische. Die nomadisierenden Zigeuner beschäftigen sich zumeist mit solchen Gewerben, die sich im Umherziehen betreiben lassen; sie sind Kupferschmiede, Kesselflicker, Korbmacher, auch Schirmmacher und Schirmflicker, Bärenführer, Artisten, Gaukler, Seiltänzer und Pferdehändler. Die bereits ansässig Gewordenen bevorzugen den Pferdehandel und die Musik ([Abb. 470]). Besonders die ungarischen Zigeuner erfreuen sich als Musikanten einer großen internationalen Beliebtheit. Dabei kennen sie meistens keine Noten — die Zigeunermusik weist daher auch keine Musikliteratur auf —, spielen vielmehr alles aus dem Gedächtnis oder auch aus dem Stegreif. Die musikalischen Gedanken und Weisen pflanzen sich auf dem Wege der Überlieferung von einem Geschlecht zum anderen fort und werden unaufgeschrieben mit ängstlicher Treue bewahrt. — Die Darbietungen der Zigeuner sind durchweg solche instrumentaler Art, besonders im Geigenspiel sind sie wahre Meister. Der Gesang tritt bei ihnen stark in den Hintergrund. — Die Zigeunerweiber gehen, wo die Stämme ansässig sind, auf die Felder zur Bestellung und schleppen Holz herbei; ihre Hauptbeschäftigung besteht aber in Wahrsagen, Kartenschlagen und Traumdeuten. Mit bewunderungswürdiger Schlauheit verstehen sie es, ihren Opfern dabei Geld abzuschwindeln. Alle diese Beschäftigungen der Zigeuner sind indessen fast nur scheinbare; in Wirklichkeit gehen sie dem Diebstahl in den verschiedensten Formen nach und fristen auf diese Weise ihr Leben.
Im ganzen zählt man noch etwa eine halbe Million Zigeuner auf der Erde, von denen gut drei Viertel auf Südosteuropa kommen.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 467. Finnischer Hochzeitsbrauch.
Ehe die Braut das elterliche Haus verläßt, wird ein an einem Tuche befestigtes Heiligenbild über sie gehalten.
Obwohl dem Namen nach Christen beziehungsweise Mohammedaner, verharren die Zigeuner durchweg noch in krassem Aberglauben. Eine große Rolle spielen dabei die Urmen oder Schicksalsfrauen, denen ein Haupteinfluß auf das menschliche Leben zugeschrieben wird. Die Urmen sind „ausgereifte Baumseelen“ und leben unter der Oberhoheit einer Königin in unzugänglichen Schluchten hoher Gebirge, und zwar in Palästen, die aus Gold und Silber erbaut sind. Man stellt sie sich als weibliche Wesen von ungewöhnlicher Schönheit vor, solange sie jungfräulich bleiben, ausgestattet mit zwei Flügeln, vermöge deren sie durch die Lüfte ziehen können. Solange sie sich mit keinem Manne eingelassen haben, bleiben sie, wie gesagt, jung und schön; nach etwaigem Verkehr mit einem männlichen Wesen aber gebären sie sogleich drei Urmen auf einmal, verwandeln sich in alte Weiber, werden als ehrlos von der Königin verstoßen und ziehen sich in einsame Hütten zurück. Von den drei Urmengeschwistern ist die eine ein böses, schlechtes Wesen, die beiden anderen dagegen gute. Jene sucht das Schicksal des Menschen zum Schlechten zu wenden; die beiden guten Urmen dagegen sind die Beschützerinnen der Menschen und Tiere und haben jede unter den Menschen sieben Lieblinge, denen sie Hilfe und Schutz angedeihen lassen, und ebensoviele Tiere. Eine andere Art von Schicksalsfeen sind die Keshalyi oder Waldgeister, die im Hochgebirge auf Felsvorsprüngen sitzen und ihr oft meilenlanges Haar in die Täler wallen lassen, wodurch sich die Entstehung des Nebels erklären soll. Ihr Verhältnis zu den Menschen ist ein ähnliches wie das der Urmen. Außer den genannten Naturgeistern verehren die Zigeuner noch eine ganze Reihe anderer Dämonen, wie die Niwaschi oder Wassergeister, die Pçuvusche oder Erdmenschen, Riesen und Zwerge, Jiuklanusche oder Hundemenschen und verschiedene Krankheitsdämonen.
Phot. J. K. Inha.