Um zu erfahren, ob die Ehe fruchtbar sein wird, begibt sich das Brautpaar eine Woche vor dem Hochzeitstage nachts an das Ufer des nächstgelegenen Flusses und stellt hier zwei brennende Kerzen auf. Löscht der Wind eine derselben aus, dann gilt dies als böses Vorzeichen; die Brautleute beeilen sich in diesem Fall, Äpfel und Eier ins Wasser zu werfen, um die bösen Wassergeister zu besänftigen.
Die Einladung zur Hochzeit pflegt der Zigeunerbursche persönlich zu überbringen; in Begleitung von mehreren Musikanten begibt er sich von Zelt zu Zelt und trägt seine Einladung unter Musikbegleitung singend und tanzend vor. Dabei ist er unter anderem durch einen mit Bändern verzierten Haselstock gekennzeichnet, der das junge Paar vor dem Einfluß der bösen Wassergeister (Niwaschi) bewahren soll. Während der Bräutigam die Pflicht der Einladung erfüllt, verbrennt die Braut nächtlicherweile an einem Kreuzweg ihre sogenannten Glücksträußchen, damit sie keinem anderen Mädchen in die Hände fallen, wodurch das Herz des Verlobten abwendig gemacht werden könnte. Die Glücksträußchen sind Gnaphaliumblüten, die die jungen Mädchen alljährlich in der Johannisnacht sammeln und, zu kleinen Sträußchen gebunden, unter ihren Habseligkeiten aufbewahren, damit sie ihre Besitzerin vor Krankheit und Schande schützen.
Drei Tage vor der Hochzeit findet eine Vorfeier statt, zu der die Stammesgenossen zusammenkommen; die Brautleute tauschen dabei bunte Tücher oder Ringe aus. Bei einigen Stämmen holen die Weiber am letzten Tage vor der Hochzeit junge Bäume aus dem Walde, die sogenannten Glückstangen, und stellen sie vor der Wohnung des Bräutigams auf, damit seine Liebe zu seiner Auserwählten in Zukunft „holzfest und immergrün“ erhalten bleibe, er muß sie für diese Aufmerksamkeit mit Branntwein belohnen. Schon am frühen Morgen des Hochzeitstages finden sich die Gäste vor dem Zelte ein und bringen dem Brautpaar allerlei Geschenke dar, meist in Gestalt von Eßwaren und Getränken, aber auch von hauswirtschaftlichen Gegenständen und Geld. Darauf begeben sich alle Teilnehmer unter Vorantritt von Musikanten, aber zunächst ohne Sang und Klang, in festlichem Zuge in die Kirche. Zuerst der Bräutigam, umgeben von den Burschen und Männern, darauf in bestimmter Entfernung die Braut in Begleitung der Frauen und Mädchen sowie eines einzigen, und zwar des ältesten Burschen, der aufzupassen hat, daß die Braut nicht entführt werde. Ist er dabei nachlässig, so muß er einen Teil der Hochzeitskosten tragen. Nach der Trauung begibt sich der Zug unter Gejohle und Musizieren wieder zum Zeltlager zurück. Hier angekommen, wird das junge Paar mit Nüssen beworfen, früher auch mit Hirse, mit Wasser begossen und dann mit einem Beutel aus Wieselfell, der Stechapfelsamen enthält, abgerieben, was gegen Unglück und bösen Blick schützen soll; beim Betreten des Zeltes werden ihm Schuhe und Stiefel nachgeworfen, was die Fruchtbarkeit steigern soll, und so fort.
Phot. Topic, Sarajevo.
Abb. 474. Bosnischer Zigeunerjunge.
Krankheit wird von den Zigeunern bestimmten Dämonen zugeschoben, gegen die man eine Zauberfrau zu Rate zieht. Diese sucht sich mit dem Kranken sofort in magische Beziehung zu setzen, indem sie dessen verschiedene Körperstellen mit einem Säckchen voll Stechapfelsamen reibt und den Dämon herbeiruft, daß er ihr das Heilmittel verrate. Hat das Eingreifen der Zauberfrau keinen Erfolg, so bereitet man sich und den Toten auf dessen letztes Ende vor. Man bringt ihn samt seinem Hab und Gut vor das Zelt, damit, wenn sein letztes Stündchen wirklich schlagen sollte, die Seele den Körper ruhig verlassen könne und nicht an irgendeinem Gegenstand des Toten haften bleibe, denn dafür würde sie später schwere Rache an den Hinterbliebenen nehmen. Bei verschiedenen Stämmen ist es auch Sitte, die Fußsohlen des Sterbenden durch einen weißen Hund belecken zu lassen.
Abb. 475. Türkische Zigeuner.
Nach einem Gemälde von H. Larwin.