Phot. C. G. Seligmann.
Abb. 96. Eine prunkvolle Kamelsänfte,
wie sie vornehme Frauen bei den Kababisch und Kawahla (beides Araberstämme im ägyptischen Sudan) zu benutzen pflegen.
Phot. Jennings Bramley.
Abb. 97. Barikrieger beim Kungutanz.
Die religiösen Verhältnisse der nilotischen Stämme sind im vorstehenden bereits gestreift worden. Es wäre darüber etwa noch folgendes nachzutragen. Die Dinka gelten für sehr religiös. Sie beten ein höchstes Wesen an unter der Bezeichnung Dengdit, das ist „großer Regen“, oder auch Nyalich, das ist „der in der Höhe“, außerdem aber eine ganze Schar von Ahnengeistern, die sie Jok nennen. Dengdit aber gilt für den obersten Gott, den Schöpfer und Erhalter der Dinge im Weltall; er ist es auch, der Regen sendet aus dem „Regenort“, wo seine besondere Heimat liegt. In den gewöhnlichen Lagen des täglichen Lebens werden jedoch die Jok häufiger angerufen als Dengdit.
Unter den Dinka steht das Totemwesen in großer Blüte. Jeder Stamm zerfällt in eine Anzahl Klane, von denen wieder jeder sein bestimmtes Totemtier, manchmal auch eine bestimmte Totempflanze besitzt. Der Klan sieht in dem Totemtier seinen Ahn, das heißt er leitet seine Abstammung von einem Menschen ab, der als Zwillingsbruder des Tieres geboren wurde. Kein Mann darf sein Totemtier verletzen, muß ihm vielmehr die höchste Ehrerbietung entgegenbringen. Wenngleich die Kinder das Totem ihres Vaters übernehmen, so achten sie doch das ihrer Mutter nicht minder hoch, und dies noch mehrere Menschenalter hindurch. So würde ein Mann, dessen Großmutter väterlicherseits eine giftige Schlange als Totemtier besaß, falls er sähe, daß jemand eine Schlange aus dieser Gattung tötete, diese aus Achtung begraben, denn sie ist der Jok (Geist) der Mutter seines Vaters. Ferner wird ein Mann niemals das Totemtier seiner Frau, und umgekehrt nie eine Frau das ihres Mannes verzehren. Über die Entstehung der Toteme sind mancherlei Geschichten im Umlauf. Die Schlangenmenschen erzählen, daß früher einmal eine Schlange in die Hütte eines Mannes gekommen sei und dort ihre Jungen zur Welt gebracht, darauf den Besitzer der Hütte angeredet und ihm gesagt habe, er dürfe weder sie noch ihre Brut verletzen und müsse, falls von anderer Seite ein Tier ihrer Art getötet würde, wie beim Tode eines Verwandten ein Trauerband aus einem Palmenblatt um sein Haupt binden. Ein anderer Mann vom Schlangentotem berichtete, daß er, wenn er einer Schlange im Walde begegnete, ihr als Zeichen der Freundschaft Staub auf den Rücken streuen würde; damit würde er die Schlange versöhnen, im Falle sie ihm böse gesinnt wäre. Sollte sie sich aber nicht besänftigen lassen und ihn etwa beißen, dann würden beide, er und die Schlange, sterben. Umgekehrt: sollte die Schlange einen Mann mit einem anderen Totem beißen, dann würde dieser wohl davon sterben, die Schlange aber am Leben bleiben. Ein Mann aus dem Löwenklan behauptete allen Ernstes, daß ihm von seiten dieses Tieres keinerlei Gefahr drohe, daß er ungestraft im Freien schlafen könne, während die Leute anderer Klane ihre Hütten vor den Angriffen der Löwen schützen müßten. Sollte ein Löwe infolge eines Splitters in der Pfote oder eines Knochens im Halse Schmerzen empfinden, dann würde er die Hütte des Mannes aufsuchen und sich durch Brüllen bemerkbar machen, um von seinen Qualen Befreiung zu finden. Andere Klane erkennen das Krokodil, den Elefanten, die Hyäne, den Fuchs, das Nilpferd und so weiter als Totem an und berichten über die Art, wie sie zu ihren Totemen gekommen sind, ähnliche Geschichten, wie wir sie oben von den Schlangen hörten. Auch Pflanzentoteme scheinen vorhanden zu sein, diese aber kommen seltener vor und haben weniger Bedeutung. Es gibt auch einen Klan, der den Fluß als sein Totem betrachtet. Als Erklärung hierfür erzählen seine Anhänger folgende Sage. Ein schönes junges Mädchen sei vor langer Zeit vom Wasser ans Ufer gebracht worden. Einige Männer, die dies beobachteten, wollten es ins Dorf bringen; sobald sie es aber anzurühren versuchten, wurde das Mädchen flüssig wie Wasser und verschwand im Flusse; es nahm auch ein Kalb mit. Dieser Klan führt alljährlich, wenn die Regenzeit vorüber ist, eine Kuh mit ihrem Kalb und einen Ochsen zum Fluß, tötet den letzteren am Ufer und wirft ihn samt der lebenden Kuh und dem Kalb als Opfergabe in den Fluß.
Phot. Jennings Bramley.