Phot. Dr. S. K. Hutton.

Abb. 158. Eskimofrau beim Fischen.

Die Brille dient als Schutz gegen die Schneestrahlung.

Die Eskimo sind große Freunde von Gesang und Tanz unter Begleitung moderner Musikwerkzeuge. Auch ihre heutigen Tänze gleichen den europäischen. Erwachsene wie Kinder erfreuen sich auch an Spielen ([Abb. 162] und [165]), zum Beispiel an einer Art Fußball mit der Fangblase oder an einem Peitschenspiel, bei dem es darauf ankommt, auf einer glatten Fläche (fest gefrorenem Schnee oder Eis) einen Knochen durch Peitschenhiebe nach einem bestimmten Ziel zu bringen. Alt und jung sind sehr sangesfroh und pflegen nicht selten ganz alltägliche Begebenheiten in Musik zu setzen.

Die Religion der Eskimo besteht in Geisterglauben. Der von ihnen am meisten gefürchtete Geist ist der des Todes, Torngak genannt. Er wohnt angeblich in einer Höhle im einsamen Gebirge. Da man annimmt, daß in seiner Hand Leben und Glück der Menschen liegen, so werden die verschiedensten Vorkehrungen getroffen, um ihn zu versöhnen. Vermittler zwischen ihm und dem Volke ist der Schamane oder Angekok. Der Schamane ist auch der Hüter und Herr der Familiengeister; davon rührt seine große Macht her. Wenn ein junger Eskimo mannbar geworden ist, dann kauft er sich seinen Familiengeist vom Angekok. Sehr drastisch schildert Stefansson einen solchen Einkauf. Ein junger Eskimo hatte erfahren, daß ein alter Schamane sein Geschäft allmählich aufgeben und ein paar gute Geister billig abgeben wollte. „Ich brauche sie nicht länger,“ sagte der Alte, „und dir werden sie nützlich sein. Möchtest du vielleicht meinen Polarbärengeist haben?“ „Am liebsten würde ich den Stromzerbrechergeist besitzen,“ erwiderte der andere. „Nein, den brauche ich bis zuletzt,“ gab der Alte zur Antwort. „Aber du sollst meinen Rabengeist haben. Das ist ein zuverlässiger und wirksamer Geist. An ihm wirst du gewiß deine Freude erleben.“ Daraufhin erstand der junge Eskimo den Rabengeist für ein neues Boot, zwanzig frische Häute, zwei Krüge mit Robbentran und einige andere nützliche Dinge. Entfaltet ein auf diese Weise erworbener Geist die versprochene Wirksamkeit nicht, so wird der Schamane als Ausrede sagen: „Ich kann dir nicht helfen; ich habe ihn dir in guter Absicht übertragen, und wenn du zu jenen gehörst, von denen die Geister nichts wissen wollen, dann kannst du mir leid tun.“ — Ein anderes Beispiel dafür, auf wie vertrautem Fuße die Schamanen vorgeblich mit den Geistern stehen, erzählt uns ebenfalls Stefansson. Eine der üblichsten Unterhaltungen während der langen Winternacht bildet bei den Eskimo die Reise des Schamanen nach dem Monde. Das ganze Dorf versammelt sich in der Hütte, Männer, Frauen und Kinder; sie sitzen auf den Bänken unten, während der Schamane oben am Dach in der Nähe des einzigen vorhandenen Fensters hockt. Einige Männer binden ihn hier mit Stricken ganz fest; darauf wird der Raum völlig verdunkelt. Außerdem müssen alle Teilnehmer die Augen schließen, den Kindern werden sie von den älteren Leuten zugehalten. Der Schamane hat ein Seil, an das ein fester Gegenstand, ein Hammer oder ein Stein, gebunden ist, in der Hand und läßt diesen umherschwirren; gleichzeitig stimmt er einen Gesang an. „Ich fühle mich nicht so schwer wie sonst,“ beginnt er, „mir ist, als säße ich nicht fest auf der Erde. Nun werde ich leicht wie eine Feder.“ Darauf fährt er mit verstellter Stimme, wie wenn sie aus der Höhe komme, fort: „Jetzt erhebe ich mich, nun fliege ich schon, und schneller und immer schneller ...“ schließlich: „jetzt schwebe ich hoch über euren Köpfen, jetzt fliege ich durch das Fenster“ und so fort. Die Stimme verschwimmt dabei immer mehr, und zuletzt flüstert der Schamane nur noch wie aus unendlicher Ferne. Darauf erlebt er alles mögliche auf dem Monde, unterhält sich mit dem Mann im Monde und mit dessen Frau über Jagdaussichten, wobei die Versammlung in tiefstem Dunkel und Schweigen verharrt. Schließlich, nach etwa einer halben Stunde, wird seine Stimme wieder lauter, und zuletzt hört man den Schamanen wieder deutlich rufen: „Jetzt schwebe ich wieder durchs Fenster zurück und komme auf den Boden. Nun öffnet die Augen und zündet die Lampen an.“ Er muß dann von seinen Erlebnissen auf dem Monde erzählen, wobei er seiner Phantasie nach Möglichkeit die Zügel schießen läßt, und alles hört andächtig zu. Das ist der Höhepunkt der Feier. Ebenso wie mit dem Monde versteht der Schamane mit allen möglichen Geistern zu verkehren, sei es, daß sie tief im Meere oder an geheimen Orten auf dem Lande hausen. — Bei den religiösen Festen trägt man groteske Holzmasken.

Aus: Transactions Department of Archaeology University of Pennsylvania.

Abb. 159. Ein Eskimoweib von Nunivagmut (Nunivakinseln, Alaska).

Die heidnischen Gebräuche sind mehr und mehr im Abnehmen begriffen, denn die Eskimo sind dem Einflusse der Missionare sehr zugänglich gewesen, und viele von ihnen haben ohne Zögern das Christentum angenommen. Überhaupt bekunden die Eskimo eine große Neigung, sich die europäische Kultur anzueignen, da sie überzeugt sind, daß sie dabei besser fahren.