Sie haben Schlangenpeitschen aus Adlerfedern und Gebetstöcke (Bahos) in der Hand; am Knie tragen sie Rasseln aus Tierhufen oder Schildkrötenschalen. Die Zeichen, mit denen sie auf dem Körper bemalt sind, haben ebenso wie die Muster des Schurzes symbolische Bedeutung.
Das übrige Nordamerika.
Die nordamerikanischen Indianer bilden eine auffallend gleichmäßige Völkermasse im Vergleich zu den verschiedenen Völkern von ähnlich großer Ausdehnung in der Alten Welt. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach die Nachkommen von Vertretern einer Verschmelzung aufeinander folgender Einwanderungswellen, die in sicherlich sehr weit zurückliegender Zeit teils von Asien, teils von Europa her auf früher in größerer Ausdehnung vorhandenen Verbindungsbrücken — in der Miozän- und Pliozänzeit stand Nordamerika mit beiden Erdteilen noch in festem Zusammenhang — dorthin gelangten. Diese Einwanderung muß schon stattgefunden haben, bevor der Mensch die Metalle bearbeiten gelernt hatte; dies ergibt sich daraus, daß, als Kolumbus ankam, die meisten Stämme noch im Steinzeitalter lebten, nur ein paar von den weiter fortgeschrittenen, wie die Mexikaner und Peruaner, es bis zur Verwendung von Bronze gebracht hatten. Auch hatte der Mensch zur Zeit jener Einwanderung noch nicht viel auf dem Gebiete der Tierzähmung getan, da die Nachfolger des Kolumbus in Nordamerika einzig den Hund als Haustier antrafen; schließlich konnte der Mensch damals auch noch nicht angefangen haben, Ackerbau zu treiben, da feststeht, daß jene Einwanderer noch keine Kulturpflanzen aus der Alten Welt mitbrachten, sondern erst später eine einheimische Pflanze, den Mais (aus Zentralamerika), für ihr tägliches Brot zu bauen begannen. Dementsprechend können die ersten Ankömmlinge in Amerika sich erst auf der Stufe der paläolithischen Jäger und Fischer der Eisperiode befunden, möglicherweise einer der Zwischeneiszeiten angehört haben. Die bisherigen Ausgrabungen stehen im Einklang mit dieser Annahme: sie haben ergeben, daß das Vorhandensein des Menschen in Nordamerika bis in die warme Interglazialzeit zurückreicht, die anscheinend mit dem gleichen Zeitraum in Europa zusammengefallen ist. Für die Tertiärzeit ist der Mensch in Amerika noch nicht nachgewiesen. Als er hier erschien, müssen sich die Sprachen noch in einem so wandelbaren Zustande befunden haben, daß sie sich leicht spalten konnten. Der Ethnograph J. W. Powel hat allein nördlich von Mexiko achtundfünfzig getrennte Sprachgruppen unterschieden, die sich wiederum in unzählige verschiedene Dialekte teilen. — Für Südamerika weisen verschiedene Anzeichen darauf hin, daß hier auch noch von der Südsee her eine Einwanderung erfolgt sein muß. Die Forschungen hierüber befinden sich noch ganz im Anfangstadium.
Abb. 167. Ein Indianerhäuptling mit seinem charakteristischen Federkopfputz.
Aus diesen europäischen und asiatischen Einwanderern hat sich im Laufe der Zeiten unter dem Einfluß der veränderten Umgebung und der Abgeschlossenheit ein besonderer Menschenschlag entwickelt, den wir als Indianer oder (wegen der roten Körperbemalung) als Rothäute bezeichnen. Er ist in seinen Grundzügen, wie schon gesagt, ganz einheitlich, zeigt aber in einigen Einzelheiten, im besonderen in der Körpergröße und der Schädelform, große Mannigfaltigkeit. Entsprechend ihrer verschiedenen Zusammensetzung erinnert der Typus der Indianer sehr an den der Mongolen, unterscheidet sich von ihm aber auch wieder durch die größere und kräftig vorspringende Nase, das größere Auge mit nur schwacher oder gänzlich fehlender Schrägstellung der Lidspalte und das braune Haar. Auf der anderen Seite aber lassen sich auch wieder Anklänge an den europäischen Typus nicht ableugnen, wie die Gesichtsbildung, im besonderen die kräftig gebogene Adlernase, die Körpergröße und manches andere. Die Indianer ([Abb. 167] und [168]) sind im allgemeinen von übermittelgroßer, kräftiger, ebenmäßiger Gestalt, die hier und da wohl sehr niedrig (Pueblos), aber auch wieder ausnehmend hoch (Irokesen, Patagonier) ausfallen kann. Ihre Hautfarbe ist kein Rot, wie Laien fälschlich annehmen, sondern ein rötliches ober gelbliches Braun; es kommen dabei alle Schattierungen von Schwarzbraun bis zum Hellbraun vor. Das Kopfhaar ist grob, straff, schwarz mit bräunlichem Glanze, oft sehr lang (auch beim männlichen Geschlecht). Am übrigen Körper wie auch im Gesicht ist das Haarsystem spärlich entwickelt; der Bart wird übrigens meistens entfernt ([Abb. 169]). Die Schädelform ist im allgemeinen kurzköpfig, es kommen aber auch langköpfige Stämme vor. Die Stirn ist gut gewölbt, das Gesicht breit, oval oder rund. Die Augen sind stets schwarz und liegen tief. Die Nase ist durchweg groß und vortretend, ihr Rücken gerade oder gebogen (Adlernase).
Die nordamerikanischen Indianer lassen sich in wirtschaftlicher Hinsicht in drei Gruppen unterscheiden. Die meisten von ihnen stehen auf der Stufe der Hackbauern, sind daher seßhaft und besitzen wohlangelegte Häuser. Eine zweite Gruppe, die Prärieindianer — die bekanntesten die Sioux —, liegen hauptsächlich der Jagd (auf Büffel, Elch, Biber und Hirsch) ob, sind daher stets auf der Wanderschaft begriffen und führen ihre Behausung in Form eines zerlegbaren Zeltes aus Fellen mit sich ([Abb. 170] und [171]). Die dritte Gruppe endlich bilden die Indianer Kaliforniens und Oregons; sie stehen alle noch auf recht niedriger Stufe. Sie verfügen zum Teil wohl schon über feste Häuser (Rundbauten), zum Teil nur über Windschirme. Ihre Nahrung beziehen sie durch Einsammeln von Pflanzen und Früchten (im besonderen Eicheln). Unter den Prärieindianern stand früher die Lederbereitung in Blüte; dementsprechend bestand auch ihre Kleidung ausschließlich aus diesem Stoffe, den bekannten Leggins (Beinfutteralen), den Mokassins (Schuhen), einem Ärmelwams und einem großen Mantel aus Büffelfell ([Abb. 172]). Die meisten Indianer kleiden sich heute bereits nach Europäerart.
Phot. Reinhold & Thiele.
Abb. 168. Ein Tschimschianhäuptling vom Skeenariver (Britisch-Kolumbien) in Festtracht.